Gewohnheiten – Was die Akteure von Unternehmen und Raucher eint

Warum fällt es einem Raucher schwer mit dem Rauchen aufzuhören? Was haben Raucher mit den Akteuren in Unternehmen gemeinsam? Viel mehr als man meint – denn Gewohnheiten erschweren Änderung in Unternehmen genauso wie der Ausstieg aus der Raucherkarriere.

Wenn ich morgens aufstehe, gibt es eine Reihe von Handlungen, die ich ohne großes Nachdenken ausführe.

Als ich noch Raucher war, bestand eine dieser Routinen darin, dass ich mir einen Kaffee machte und damit in mein Arbeitszimmer ging. Auf meinem Schreibtisch war gut zu sehen, dass ich Raucher war: ein Aschenbecher stand dort, daneben eine Packung Zigaretten und ein Feuerzeug. Der Geruch von kaltem Rauch lag in der Luft und auf meiner Tastatur waren Spuren von Asche zu erkennen, die irgendwann mal von einem der Glimmstängel abgefallen war und die ich eher schlecht als recht entfernt hatte. Noch bevor ich am Kaffee nippte, nahm ich mir eine Zigarette, zündete sie an und nahm einen tiefen Zug.

Bizzarrerweise verspürte ich dann etwas, das mir der Schlaf eigentlich ohnehin gebracht haben sollte: Entspannung.

Wie funktionieren Gewohnheiten?

Soweit nichts Besonderes: Schlechte Gewohnheiten bei der Arbeit eben. Doch es besteht kein so großer Unterschied zwischen einem Raucher und den Akteueren in einem Unternehmen – und deshalb lohnt es sich genauer hinzusehen. Wodurch entstehen Gewohnheiten und wie werden sie aufrecht erhalten?

Die Gewohnheitsschleife

Aus neurowissenschaftlicher Sicht ist eine Gewohnheit in erster Linie sowas wie ein Energiesparprogramm, das aus drei Komponenten besteht:

  1. Auslösereiz

  2. Routine

  3. Belohnung

Aufgrund eines wie auch immer gearteten Auslösers spulen wir im Automodus eine Routine ab und erhalten dafür eine Belohnung.

Der Begriff Automodus ist dabei durchaus wörtlich zu verstehen: Wenn sich eine Gewohnheit erst einmal ausgebildet hat, lässt sich beim Ausführen der Routine eine vergleichsweise niedrige Hirnaktivität in Anschluss an einen kurzen Peak nachweisen.

Eine Belohnung (die je nach Person sehr unterschiedlich aussehen kann) macht dabei aus einer bewusst getroffenen Entscheidung erst eine Gewohnheit – ein Zeichen, dass es sich lohnt die Routine abzuspeichern. Anschließend kann das Gehirn automatisch in den Routinemodus schalten, sobald es den oder die Auslöser wahrnimmt, und so Energie sparen.

Gewohnheitsschleife
Gewohnheitsschleife

Diese Gewohnheitsschleife macht das Ablegen von Gewohnheiten so schwer. Mit der Zeit entsteht in Antizipation der Belohnung sogar ein Gefühl von Verlangen, sobald der Auslösereiz wahrgenommen wird.

Was haben Unternehmen damit zu tun?

Wenn es um Verhaltensweisen in Unternehmen geht, sind die drei Komponenten vielleicht nicht immer so leicht zu erkennen, wie in der Erzählung aus meiner inzwischen beendeten Raucherkarriere. Aber auch dort ist Änderung schwer, weil die Auslöser und Belohnungen für gewisse Handlungen bestehen bleiben.

Ein paar Beispiele:

  • Ein Kollege kommt aufgeregt ins Büro, weil er unsere Hilfe bei einem Problem braucht. Obwohl wir eigentlich was anderes machen, reagieren wir und helfen ihm. Anschließend bedankt sich der Kollege und verlässt lächelnd unser Büro.

  • Ein anderer Kollege platzt ins Büro des Chefs, aufgebracht weil ihm das Fachwissen einer bestimmten Person für sein Projekt fehlt und er nicht weiß, wie er das Arbeitspensum bewältigen soll. Obwohl der Chef eigentlich eine stärkere Teamzuordnung anstrebt und die Arbeitskraft daher anders verplant hat, lenkt er ein. Der Kollege verlässt zufrieden das Büro, das Projekt wird ein Erfolg.

  • In einem Meeting stellt ein Kollege eine neue Software vor. Eigentlich ist der Vortrag gut, obwohl der Kollege nervös wie beim ersten Date ist. Bevor das jemand ausspricht, macht ein anderer Kollege eine kritische Nachfrage. Ein weiterer Kollege erklärt dem Vortragenden schließlich die Schwachpunkte der Software und wieso sie im Grunde unbrauchbar ist. Ob seiner zur Schau gestellten Fachkenntnis erntet er hier und da ein anerkennendes Nicken.

Wurde in allen drei Fällen eine bewusste Entscheidung getroffen?

Wir wollen natürlich glauben, dass wir stets bewusste und sorgfältig abgewogene Entscheidungen treffen; dass wir nicht aus dem Bauch heraus handeln, sondern entscheiden was das Beste ist: für die Mitarbeiter, die Bilanz und das Projekt.

Sicherlich tun wir das in vielen Fällen auch, aber ein großer Teil unserer Handlungen sind eben keine bewussten Entscheidungen sondern Gewohnheiten.

Wir haben gelernt, dass wir Anerkennung bekommen, wenn wir unser Fachwissen zur Schau stellen oder Kollegen bei Problemen helfen. Dass langjährige Kunden uns auch im nächsten Jahr wieder beauftragen, wenn wir uns ein Bein ausreißen; und die Kollegen in den anderen Team trotzdem irgendwie klar kommen.

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass keine der oben genannten Personen bewusst oder gar in boshafter Absicht handelt – sondern das Verhalten einfach eine schlechte Angewohnheit ist.

Gewohnheiten prägen Unternehmen

In der Summe prägen die Gewohnheiten der einzelnen Akteure das ganze Unternehmen im Guten wie im Schlechten:

  • Welchen Einfluss könnte das Verhalten der Kollegen in einem Vortrag wohl auf einen unsicheren Kollegen mit Angst vor Präsentationen haben?

  • Was wird der Kollege aus dem ersten Beispiel in Zukunft für ein besseres Wissensmanagement in seinem Team tun?

  • Gibt es Anreize für eine langfristige Personalplanung, wenn sowieso das Recht des Lauteren gilt?

Das Fatale ist, dass ein Unternehmen ein Brutkasten für aufeinander aufbauende Gewohnheiten ist. Viele kleine Gewohnheiten bauen sich zu komplexen, nur noch schwer überblickbaren Kaskaden zusammen.

Wie der Chef auf Kritik oder Vorschläge reagiert, wird früher oder später das Denken und Handeln der Mitarbeiter beeinflussen. Wenn sich der Eindruck verfestigt, dass Verbesserungsvorschläge einzubringen nicht lohnenswert oder sogar risikobehaftet ist, lässt man es früher oder später sein.

Schließlich hat es Einfluss darauf, wie gegenüber neuen Mitarbeiter darüber gesprochen wird. Mancher Enthusiasmus wird im Keim erstickt, wenn neue Ideen auf die Glaskugeln der alteingesessenen Mitarbeiter treffen. Andere Mitarbeiter wiederum umgehen die Regeln, was das Unternehmen eine Zeit lang am Leben hält, aber früher oder später …

Die gute Nachricht ist: Gewohnheiten lassen sich beeinflussen. Damit wird sich der zweite Teil dieses Artikels beschäftigen.

3 Gedanken zu „Gewohnheiten – Was die Akteure von Unternehmen und Raucher eint

  • 4. Januar 2017 um 12:10
    Permalink

    Hallo,
    der Mensch ist ein „Gewohnheitstier“. Leider ist an diesem Spruch viel dran. Es dauert tatsächlich bis man sich bestimmte Gewohnheiten, wie z.B. das Rauchen, abgewöhnen kann.
    Ich freue mich auf den zweiten Teil des Artikels.

    Antwort
    • 5. Januar 2017 um 21:16
      Permalink

      Hallo,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Und du hast Recht: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, wobei dem Spruch auch etwas Positives innewohnt. Wir leben gewissermaßen von unseren Gewohnheiten – ohne hätten wir für Vieles gar nicht den Kopf frei. Aber dazu mehr in meinem nächsten Artikel 🙂

      Gruß
      Patrick

      Antwort
  • Pingback: Feedback – ein unterschätztes Thema? – chaosverbesserer

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