Klebeband, Streichholz und Benzin

Im letzten Artikel habe ich von meinem Umzug und der Ausdehnung von Arbeit erzählt. Dies ist der zweite Teil meiner Erzählung.

Verdammtes Klebeband.

Ich stehe gerade in der Küche meiner alten Wohnung, als mir ein irres Lachen entfährt.

Auf der Arbeitsplatte ist beinahe der gesamte Inhalt meiner Schränke ausgebreitet und ich habe genug Verpackungsmaterial, um eine antike Ming-Vase so zu verpacken, dass man damit Fußball spielen könnte. Überall in der Wohnung stehen volle und weniger volle Umzugskisten verteilt und die Baustellen in der Wohnung scheinen einfach nicht weniger zu werden. Ich aber stehe hier, friemele an einer Rolle Klebeband rum und fluche als mir ein völlig irrsinniger Gedanke kommt.

Was wäre, wenn ich den ganzen Mist jetzt einfach anzünden, das Land verlassen und irgendwo ein neues Leben anfangen würde?

Ja, man könnte sagen, ich bin ich ziemlich frustriert.

Ich bin genervt von den Umzugskisten und der vielen Arbeit, die bis zum Umzugstag noch zu erledigen ist. Darüber, dass in beinahe jeder Ecke der Wohnung immer neue Kleinteile aufzutauchen scheinen und von den Dingen, die ich noch zur Mülldeponie bringen muss. Vor allem bin ich aber genervt von mir selbst: wie konnte es sein, dass ich so viel Zeit mit Umzugsvorbereitungen verbracht hatte und es dennoch noch so viel zu tun gibt? Warum hatte ich in den letzten Wochen nur so viel Zeit vertrödelt? Und vor allem: womit?

Für einen kurzen Moment frage ich mich, ob ich vielleicht zu blöd für diesen Job bin.

Zwar beschäftige ich mich in meinem Berufsalltag mit der Automatisierung von IT-Systemen und hielt mich bislang auch sonst eigentlich nicht unbedingt für doof. Doch das Klebeband gibt mir den Rest. Immer, wenn ich ein Stück von der Rolle abgeknibbelt habe und es vorsichtig von der Rolle abziehen möchte, reißt es an einer neuen Stelle. Die Situation ist eigentlich zum Schreien komisch und ich würde vermutlich in schallendes Gelächter ausbrechen, wenn ich nicht der arme Trottel wäre, der sie gerade durchlebt.

Und so kommt mir eben dieser Gedanke mit den Streichhölzern, dem Benzin und dem Neuanfang in den Sinn.

Natürlich zünde ich meine Sachen nicht an, aber ich empfinde in diesem Moment etwas, das gewissermaßen der natürliche Feind der Prokrastrination und das Gegengewicht zu Parkinsons Law ist: das Gefühl von Dringlichkeit. Als ich an jenem Tag in meiner Küche stehe, ist dieses Gefühl da – und es trifft mich mit voller Härte. Ich bin gestresst und würde am liebsten alles hinwerfen.

Aber eigentlich will ich ja auch umziehen.

Und vielleicht ist es genau dieses Vorhandensein der viel beschworenen intrinsischen Motivation – der Fokus auf ein selbstgestecktes und für erstrebenswert erachtetet Ziel – im Zusammenspiel mit dem Gefühl von Dringlichkeit, was mir in diesem Moment hilft. Immerhin kann ich einen Schritt zurück treten, mit dem gewonnenen Abstand meine Situation und das Problem etwas gelassener betrachten und die aufgestaute Frustration (zumindest teilweise) in konstruktivere Bahnen zu lenken. Also schreibe ich diesen Tweet, schmunzele ein wenig darüber und gehe schließlich zur Lösungsfindung über.

Eine Stunde später stehe ich an der Kasse vom Baumarkt und zahle für einen anderen Klebebandabroller und besseres Klebeband.

In diesem Moment ist es nämlich eine eigentlich recht profane Erkenntnis, die mich weiter bringt: wenn es nicht so richtig fluppen will, sollte ich vielleicht erstmal einen Blick auf mögliche Stör- und Frustrationsfaktoren werfen, bevor ich mir selbst (oder meinem Team) die Kompetenz abspreche oder fehlende Motivation unterstelle. Umso mehr gilt das natürlich, wenn es sich eh schon um eine eher unliebsame Aufgabe handelt.

Denn Frustration hemmt die Motivation und selbst kleine Verbesserungen machen manchmal … einen großen Unterschied.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das:

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen