Nachhaltiges Arbeiten – Wo agile Methoden von sportlichen Veranstaltungen abweichen

Scrum sieht ein Vorgehen in sich aneinander reihenden „Sprints“ vor. Im Vortrag, den ich letztens schon kritisierte, wurde das mit einem Marathon verglichen. Diesen Denkfehler machen leider viele – dabei soll es in agilen Methoden ja in einem dauerhaft durchhaltbaren Tempo zugehen.

Zu leicht ist es, auf die in der Scrum-Methode so beliebten Sport-Metapher reinzufallen und den Sprint als etwas zu sehen, bei der man mit maximalem Einsatz in der kürzesten Zeit versucht alles zu erreichen.

„Agile processes promote sustainable development. The sponsors, developers, and users should be able to maintain a constant pace indefinitely.“

Der oben beschriebene Satz ist eines der Prinzipien, die dem agilen Manifest zugrunde liegen. Genau wie „Individuals and interactions over processes and tools“ aus dem agilen Manifest selbst, spiegelt sich darin einer der Grundgedanken agiler Arbeitsweise wieder.

Gute Ergebnisse lassen sich nur mit Menschen erzielen, denen es gut geht.

Wir sollten uns immer bewusst machen, dass Nachhaltigkeit und eine Ausrichtung auf Menschen einer der Eckpfeiler agilen Arbeitens ist. Die Methode und die Werkzeuge, wozu eben auch Scrum zählt, sind einzig und allein Hilfsmittel. Im Zweifelsfall sind diese dem Menschen unterzuordnen. Punkt.

Die Verantwortung dafür liegt nicht beim Team, sondern ist oberste Pflicht des Arbeitgebers. Bei all der Profit- und manchmal auch Kundenorientierung gerät das zu leicht in Vergessenheit. Dennoch ist es so elementar, dass es in Deutschland das Gesetz vorschreibt.

Der Arbeitgeber ist verpflichtet, die erforderlichen Maßnahmen des Arbeitsschutzes unter Berücksichtigung der Umstände zu treffen, die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten bei der Arbeit beeinflussen. Er hat die Maßnahmen auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen und erforderlichenfalls sich ändernden Gegebenheiten anzupassen. Dabei hat er eine Verbesserung von Sicherheit und Gesundheitsschutz der Beschäftigten anzustreben. (§3 Arbeitsschutzgesetz)

Bemerkenswert dabei ist, dass der Arbeitgeber sogar explizit zu kontinuierlicher Verbesserung in diesem Bereich verpflichtet ist.

Das bedeutet auch, seine Mitarbeiter dazu anzuhalten, ihren Urlaub zu nehmen, Pausenzeiten einzuhalten und sich aus den Kommunikationskanälen der Firma auszuklinken. Und dass er hinterfragen muss, ob er den solches Verhalten begünstigenden Druck überhaupt erst aufbaut, sei es durch schlechtes Vorbild oder durch Harakiri-Vorgehen bei der Annahme von Aufträgen.

Zielfokussiert arbeiten ist auch ein Aspekt von Sprints

Wenn ein Sportler einen Sprint laufen möchte, dann ist schnell im Ziel ankommen nicht das Einzige, worauf es ankommt.

Vor und nach dem Lauf muss er sich auf sich und seine Gesundheit konzentrieren. In den wenigen Sekunden des Laufs kann er sich dagegen nur auf das Ziel konzentrieren. Das ist der Aspekt auf den die Sprint-Metapher in Scrum abzielt.

Niemand wartet im Sprint Review mit einer Stoppuhr in der Hand. Viel mehr geht es darum zielfokussiert zu arbeiten, also seine Energie im Sprint nur auf die für das Sprint-Ziel relevanten Arbeiten zu richten und nicht zusätzlich auf neue vom Himmel fallende Aufgaben.

Das setzt natürlich voraus, dass das Management seinen Job macht und die Verantwortung für das Wohlergehen ihrer Mitarbeiter übernimmt.

Wenn Sprintziele nicht vom Team entschieden, sondern von außen diktiert oder willfährig ergänzt werden, dann wird aus dem Scrum-Sprint ein unhaltbares Ziel, das im direkten Widerspruch zu agilen Prinzipien steht. In diesem Moment „Das geht nicht anders, weil wir halt nun mal Kunden haben“ sagen reicht einfach nicht, um dieser Verantwortung gerecht zu werden.

Für Manches braucht’s eigentlich keine agilen Prinzipien

Eigentlich bräuchte es für gewisse Dinge keine Regeln, weil manche Dinge eigentlich der gesunde Menschenverstand sagen sollte. Aber wenn für einen selbst andere Spielregeln gelten oder man sich selbst anderen Spielregeln unterwirft, vergisst man das all zu leicht.

Daran müssen wir arbeiten und immer wieder erinnern.

Weil eine schlechte Bezeichnung manchmal einfach nur eine schlechte Bezeichnung ist.

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