Agil ist nichts für einsame Cowboys

Sicherlich gibt es nicht nur in der IT die Cowboys, die den ganzen Laden am Laufen halten.

Lässig sitzen sie in ihrem Schreibtischsattel, nur mit ihrer laut klackernden Tastatur bewaffnet und schießen scharf auf jedes Problem, das man ihnen zuwirft. Niemand macht mehr Anschläge in der Minute als sie und niemand kennt so viele Tastenkürzel oder obskuren Editorbefehle wie sie. Vor ihnen fürchtet sich sogar ihr eigener Schatten, denn er ist bedeutend langsamer als sie.

Vor allem aber, und das ist entscheidend, leistet niemand so perfekte Arbeit wie sie. Ohne sie wäre der Laden aufgeschmissen, denn im Grunde halten sie ihn am laufen. Das denken sie jedenfalls und deshalb hat ihnen niemand was zu sagen.

Alle Macht geht von den Cowboys aus – ganz gleich, ob das nun Entwickler, Datenbankspezialisten oder Betriebsprofis sind.

Agil ist kein Saloon und Cowboys gehört der wilde Western

Dummerweise ist ein Unternehmen kein Saloon und deshalb hat agiles Arbeiten auch rein gar nichts mit Cowboys zu tun.

Wenn immer davon geredet wird, dass das Individuum im Vordergrund zu stehen hat, Dokumentation weniger wichtiger als Ergebnisse ist und ähnlich vereinfachte Darstellungen von Agilität, entsteht leicht ein Eindruck, der sich mit den Ideen hinter agilen Methoden nicht wirklich deckt und deshalb auch keine konsistenten Ergebnisse erzeugen kann.

Daher nachfolgend ein paar wahre Aussagen über das, was agil auch ist, aber gerne übersehen wird.

Auch in agilen Projekten werden Abstriche gemacht, die nicht Allen schmecken

Wenn wir technischen Leute etwas anfassen, wollen wir es gerne perfekt machen. Das ist eine Neigung, die oft zum Besseren für Alle ist und trotzdem nicht wirklich in den Planungen berücksichtigt wird.

Die agilen Prinzipien sagen: „Continuous attention to technical excellence and good design enhances agility“ und mancher hält das für einen Freifahrtschein für Perfektion auf Kosten des Fertigstellungszeitpunkt. Doch die oberste Priorität in jeder agilen Herangehensweise sind verwertbare Ergebnisse.

Deshalb gilt: „Done is better than perfect“ – und ja: das bedeutet auch technische Kompromisse und sogar technische Schulden zu machen. Der springende Punkt ist, dass man technische Schulden bewusst aufnimmt und bewusst wieder zurückzahlt, also nicht einfach schludrige Arbeit abliefert, sondern gezielt Kompromisse eingeht. Kompromisse sind wichtig, um Ergebnisse zu liefern.

Auch in agilen Methoden muss geplant werden

Ein Plan, der von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, ist Verschwendung.

Ohne Planung kommen aber auch agile Methoden nicht aus. Denn der Auftraggeber, das Unternehmen und das Team benötigen Sicherheit darüber, wann etwas fertig ist und wann mit darauf aufbauenden Arbeiten gestartet werden kann. „It’s done when it’s done“ ist ein Grundsatz, der sich mit Abhänigkeiten beißt und deshalb selbst für Freizeitprojekte nur in einem sehr begrenzten Rahmen funktioniert.

Das bedeutet auch, dass es hier und dar einen strukturierten Ablauf und vielleicht sogar Schätzungen braucht. Deshalb sehen Methoden wie Scrum beispielsweise Sprint-Planning, Review- und Refinement-Meetings vor.

Dokumentation und non-verbale Kommunikation ist auch in agilen Projekten erforderlich

Auch wenn es im agilen Projekten „Working software over comprehensive documentation“ heißt und „face-to-face communication“ in den Prinzipien der effektivste und effizienteste Weg für den Informationsaustausch genannt wird, geht es nicht ganz ohne schriftliche Kommunikation und Dokumentation.

Natürlich macht es Sinn, wichtige Informationen direkt mit den Leuten im Team zu besprechen, sei es direkt am Arbeitsplatz und irgendwelchen Meetings. Dennoch gilt: „Was schreibt, das bleibt“ und viele Informationen müssen auch Tage, Wochen oder sogar Jahre später und auch von Personen nachvollzogen werden, die nicht zufällig beim Face-to-Face-Austausch anwesend waren.

Daher gilt der Grundsatz: Immer wenn ich mich gegen schriftliche Dokumentation, Code-Kommentare, Fortschrittsnotizen entscheide: Könnte das später irgendwem auf die Füße fallen? Mache ich irgendwem das Leben schwerer damit?

Und bitte denkt auch daran, dass man euch auch verstehen muss. An Worten sparen ist zwar effizient, aber wenig effektiv – und wenn ihr nicht verstanden werdet, dann war die Dokumentation wahrlich für die Katz’.

Da ist ein „Ich“ in „Team“ – aber auch ein „Wir“

Der einsame Cowboy, der die Steppen abreitet und den Fieslingen im Alleingang den Garaus macht, hat seine Existenzberechtigung – auf der Leinwand und im wilden Westen.

Doch selbst die Helden in den großen Heldenepos unserer Zeit haben meistens einen oder mehrere Sidekicks. Selbst wenn sie nur wie Idioten neben dem strahlenden Helden wirken, könnte der Held ohne diese Menschen nicht sein.

Darum versucht eure Teamkollegen lieber nicht als „idiot friends“ sondern als Heldenfreunde zu sehen und schaut, dass es ihnen gut geht und sie ihre Arbeit machen können.

Im echten Leben ist Platz für mehr als einen Helden.

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