Bin ich eigentlich produktiv und wenn ja – für wen?

Manchmal stelle ich mir die Frage: Warst du heute eigentlich produktiv?

Das ist eine recht lästige Angewohnheit, denn die Antwort kann einen je nach angelegtem Maßstab runterziehen.

Das Märchen vom arbeitsfaulen Menschen

Keine Ahnung, wie es euch geht: Ich möchte produktiv sein. Obwohl ich manche Dinge gerne schleifen lasse, weil sie mir nicht so viel Spaß machen, ich keinen Sinn darin sehe oder einfach gerade keine Lust habe, sind meine besten Tage – die an denen ich abends zufrieden ins Bett und in den Schlaf der Gerechten falle – auch produktive Tage.

Wenn ich abends weiß, dass ich den Müll rausgebracht, in der Firma ein Projekt voran gebracht, das Abendessen gekocht und vielleicht sogar noch einen Blogartikel geschrieben habe – dann fühle ich mich gut. Faulere Tage mit Extrem-Couching und Binge Watching sind natürlich auch hin und wieder in Ordnung, aber die produktiven Tage empfinde ich einfach einen Tacken befriedigender.

Ich möchte glauben, dass ich kein Einzelfall bin und die Theorie X, wonach Menschen eine angeborene Abneigung gegen Arbeit haben und nur durch Zwang zum Leisten ihres Beitrags gebracht werden können, einfach nicht stimmt.

Was ist eigentlich produktiv?

Aber was ist denn eigentlich produktiv?

Im Unternehmenskontext sind wir geneigt, die Produktivität einzig als Maß von eingesetzten Mitteln zu erzieltem Ertrag zu sehen, also Arbeitsstunden zu erzieltem Umsatz. Aber ist das in der Wissensarbeit so einfach?

Wenn man den Duden befragt, bedeutet produktiv nichts anderes als schöpferisch, wobei als Synonyme eine Vielfalt ähnlicher, aber doch geringfügig unterschiedlicher Begriffe wie wirksam, kreativ und sogar fantasiereich aufgeführt werden.

Lässt sich Kreativität wirklich in Prozent ausdrücken?

Eine Frage des Maßstabs

Nun schätze ich, dass die Mehrzahl der Leser in den eingangs aufgeführten Beispielen eindeutig produktive und eindeutig unproduktive Tätigkeiten erkennen.

Irgendwie aber auch alles eine Frage des Maßstabs: Wären wir alle bei Netflix als „Kids Content Tagger“ angestellt, würden wir wohl Binge Watching eindeutig als produktive Tätigkeit betrachten. Als Fabrikarbeiter oder Programmierer wohl weniger. Dabei könnte diese Tätigkeit der Grund für den nächsten genialen Einfall sein.

Welchen Maßstab setzen wir an, wenn wir uns bei Überlegungen zur eigenen Produktivität Fragen stellen wie: Habe ich für Kunden gearbeitet? Ist die Arbeit abrechenbar? Habe ich ein Projekt abgeschlossen?

Erweisen wir uns nicht einen Bärendienst, wenn wir nicht auch die leiseren Töne eines ansonsten lauten Musikstücks beachten; wenn wir uns zwar Eigeninitiative von unseren Angestellten und Kollegen wünschen, den Beitrag zum Gemeinwohl in Form einer gereinigten Kaffeemaschine, die Fortbildung ohne direkten Kundenbezug oder Kommunikation über Teamgrenzen hinweg aber geringer schätzen als die abrechenbare Stunde?

Kein Druck …

Druck ist das letzte, was zu hohen Leistungen führt, stellt Marcus Raitner in seinem Artikel „Denkt schneller“ klar.

Viel mehr müsse man den Sinn erklären, den Menschen einen großen Vertrauensvorschuss und größtmögliche Autonomie gewähren. So heißt es deshalb in den Prinzipien des agilen Manifests:

Build projects around motivated individuals. Give them the environment and support they need, and trust them to get the job done.

Das heißt auch: Zeit und Mittel für Weiterbildung bereitstellen, denn die ist in diesen sich viel zu schnell ändernden Zeiten mehr als notwendig, um die so hoch geschätzte Arbeitsleistung aufrechtzuerhalten.

Aber auch für Reflektion und vielleicht sogar Slacktime.

Die Motivation und Leistung, die dadurch bestenfalls freigesetzt wird, ist mit keiner extrinsischen Motivationshilfe wie Geld zu erzielen. Denn Wissensarbeit ist keine Fließband- sondern Kreativarbeit, die einfach anderen Motivationsfaktoren unterliegt.

Die Bereitschaft von Wissensarbeitern, die konventionellen Feierabendzeiten außer Acht zu lassen und auch mehr als acht Stunden zu arbeiten, sollte dabei nicht mit einem Freifahrtschein verwechselt werden.

Agile processes promote sustainable development. The sponsors, developers, and users should be able to maintain a constant pace indefinitely.

Einerseits zu sagen „Klar, könnt ihr das machen, bringt uns ja was“ aber auf der anderen Seite nur die abrechenbare Arbeit zu fördern ist nämlich auch eine Message. Sie lautet: „Aber das ist dann euer Privatvergnügen.“

Manche Aufgaben sind aber kein Vergnügen und niemand wird diese in der Freizeit machen.

Ein Gedanke zu „Bin ich eigentlich produktiv und wenn ja – für wen?

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