Orr, geh weg! – Warum wir von Interruption-driven work weg müssen

10 Uhr 30: Ich bin gerade etwa eine dreiviertel Stunde im Büro, gehe meine Kontextlisten durch, da platzt der erste Kollege ins Büro. Was er konkret von mir möchte, ob er nun schnacken, einfach mal einen Blick ins Büro werfen oder eine Aufgabe bei mir abladen will, ist eigentlich nicht so wichtig. Denn es geht um ein Muster, das sich leider viel zu oft zeigt: Wir unterbrechen zu oft Leute bei der Arbeit und werden selbst viel zu oft unterbrochen.

Unterbrechungen können stressen

Das heutige Thema liegt mir am Herzen.

Ich bin leicht ablenkbar. Damit meine ich, dass gewisse Reize aus meiner Umgebung meine Konzentration erheblich stören können. Für meine Umgebung ist das manchmal nicht nachvollziehbar, weil ein hämmernder Nachbar zwar auch sie nervt, aber meine Aufregung vielleicht ein bisschen over the top wirkt und ein entnervtes „Könnt ihr das vielleicht woanders besprechen“ in Richtung der über Arbeit sprechenden Kollegen manchmal einen Ticken zu barsch ist.

Zumal ich ja selber oft und gerne für ein Pläuschen zu haben bin, auch mal vom Aufenthalt im Phantasialand oder vom nervigen Eis kratzen (obwohl meine Freundin mich gewarnt hat) erzähle.

Das Problem ist: Nicht nur ich lasse mich von Unterbrechungen leicht rausreißen, auch anderen geht dadurch die Konzentration und nicht selten auch die Motivation flöten. Wenn es oft passiert, entsteht Stress, weil der berechtigte Wunsch, einen produktiven und zufriedenstellenden Tag hinzulegen, in immer weitere Entfernung rückt.

Unterbrechungen können krank machen

Inzwischen haben sich Psychologen mit den Auswirkungen von „Arbeitsunterbrechungen und Multitasking auf Leistungsfähigkeit und Gesundheit“ beschäftigt und so heißt es etwa in der so betitelten Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin:

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Arbeitsunterbrechungen und Multitaskingsituationen auf alle Altersgruppen beanspruchend und beeinträchtigend wirken.

Die Studie hat sich auf die Berufsgruppe der Gesundheits- und Krankenpflegerinnen konzentriert und es steht natürlich die Frage aus, inwieweit die Erkenntnisse auf andere Berufsgruppen übertragbar sind. Generell klingen die Theorien der in diesem Bereich betriebenen Grundlagenforschung mit dem griffigen Begriff „Interruption Sciences“ recht schlüssig: Bei Unterbrechungen geraten im Arbeitsgedächtnis zwei verschiedene Ziele in Konflikt und das sorgt wahrscheinlich für Leistungseinbußen.

Na klar, denke ich.

Rein anekdotisch und dementsprechend nicht sehr wissenschaftlich kann ich das für mich als plausibel bestätigen. Wie oft habe ich kurz nach einer Unterbrechung wichtige Details vergessen – oder gar, was ich eigentlich gerade machen wollte.

Umso schlimmer, wenn es arbeitsrelevante Themen sind und man womöglich zur Zeiterfassung verpflichtet ist. Schließlich will man verantwortungsbewusst den Kunden gegenüber sein.

Last but not least: Immer mehr zu tun, aber keinesfalls mehr Zeit. Im ungünstigsten Fall steht am Ende die Frage im Raum: Ist ein Gefühl von Ausgebranntsein jetzt eine Krankheit im ICD-Sinne oder doch nur ein Lebensbewältigungsproblem?

Was können wir tun?

Erst mal durchatmen.

Uns bewusst machen, dass wir sowohl Störer als auch Gestörter sind und dass Störungen auch mal willkommen, ja sogar anregend und entspannend sein können.

Einsehen und anerkennen, dass Arbeit auch mal liegenbleiben kann. Würde die Welt davon untergehen, wäre das schon längst passiert. Auch und gerade, wenn man der mit dem Wunsch ist, dass was erledigt wird.

Selbst hinterfragen, ob das eigene Anliegen wirklich so dringend ist, dass man dafür zum Telefon greifen oder ins Büro des Kollegen platzen muss.

Auf subtile Signale wie eingesteckte Kopfhörer und geschlossene Türen achten. Später nochmal wieder kommen.

Und ja: Auch mal „Orr – geh mir weg“ antworten – und vielleicht später mal beim Kollegen nachfragen, ob sein Anliegen noch aktuell ist und was er wollte. Gerne auch per weniger synchroner Kommunikation wie Instant Message oder E-Mail.

Auch geduldigen Menschen kann geholfen werden. Manchmal aber erst morgen.

2 Gedanken zu „Orr, geh weg! – Warum wir von Interruption-driven work weg müssen

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