Story of Dave (Teil 2): Grabenkämpfe

Dies ist der zweite Teil einer Artikelserie. Der erste Teil ist Story of Dave: Von Wasserfällen und anderen Spektakeln.

“What the fuck?” tönt es aus der IT-Abteilung.

Stille. Nur das Gluckern eines Wasserkochers ist zu hören.

Dann wieder: “What the fuck?”

Der Stimme ist deutlich ihre Verzweiflung anzuhören. Ein Kollege steht auf, geht ans Whiteboard und macht einen Strich. Auf dem Whiteboard sind Spalten für die aktuellen Projekte der IT-Abteilung. Das Whiteboard ist mit der Überschrift „What the fuck / Minute“ versehen; die Spalte für das Shop-Projekt bildet die Speerspitze.

“Das klappt doch nie. Die Deadline werden wir wohl reißen.”

“Damit knacken wir auf jeden Fall den Highscore”, erwidert der Kollege am Whiteboard lapidar.

“Auf jeden Fall. Die Entwickler haben sich mal wieder selbst übertroffen. Kommt ja wie immer total überraschend, dass irgendwer deren Crap auch installieren muss!”

Dave sitzt in einer der höheren Etagen und ahnt von all dem nichts. Der Projektleiter hat ihm versichert, dass alles klappt. Auch dann noch als die Hardware-Bestellung sich verzögerte. Die Kollegen von der IT seien Nachteulen, hatte er gesagt; sie würden notfalls bereitwillig die Nächte durcharbeiten. Dave ist kein Freund von Nachtarbeit. Im Grunde seines Herzens will er eine Arbeitsumgebung, in der seine Mitarbeiter sich wohl fühlen und in einem gesunden Arbeitstempo arbeiten können. Das sei auch nur der Notfallplan und sicher nicht nötig, hatte der Projektleiter erwidert.

Grabenkämpfe zwischen Dev und Ops

Knapp einen Monat vor dem geplanten Livegang deutet sich schließlich ein Debakel an.

Die Marketingkampagne läuft gut. So gut, dass die IT zwischenzeitlich für zusätzliche Kapazitäten beim Internetangebot des Unternehmens sorgen muss. Die Ankündigung hat für reichlich Besucher und Anfragen von Bestandskunden gesorgt und fordert den Web- und Mailservern mehr ab, als sie zu leisten im Stande sind. Gleichzeitig lassen die Lasttests der neuen Shop-Plattform nichts Gutes erahnen. Zu allem Überfluss stellt sich raus, dass die Applikation nicht für den Betrieb auf mehreren Servern ausgelegt ist.

“Bitte was?”, fragt der Projektleiter, als ihm die IT-Abteilung davon berichtet. Die Schilderungen lassen keinen Zweifel: Aus Sicht der IT würde die neue Plattform unter der erwarteten Last zusammenbrechen.

Ein Krisenmeeting wird einberufen.

Der Leiter der Entwicklungsabteilung wird puterrot, als man ihn auf den vermeintlichen Makel in der von seinem Team erarbeiteten Software anspricht. Er springt von seinem Stuhl auf. Von der Wucht wird der Stuhl umgerissen und fällt mit lautem Getöse zu Boden. Der Leiter der Entwicklungsabteilung gestikuliert wild.

“Das stand so nicht in der Spezifikation”, bellt er.

“Die ihr doch geschrieben habt”, antwortet ein Vertreter der IT-Abteilung und fügt hinzu, dass eine ordentlich designte Software damit ja auch kein Problem hätte. Aber die Shop-Plattform sei ja nicht mal für eine automatische Installation geeignet.

Der puterrote Entwicklungsleiter will etwas erwidern, aber der Projektleiter legt ihm eine Hand auf die Schulter und sagt: “Ok, meine Herren. Schuldzuweisungen bringen uns nicht weiter. Lassen Sie uns lieber die Kuh vom Eis bringen.”

Auch am Tisch sitzen Michael und Anette, sie sind befreundet und nur zufällig Teil der Grabenkriege zwischen der IT und der Entwicklung. Ihnen ist diese Auseinandersetzung zuwider, sie haben immer wieder Vorschläge vorgebracht wie es besser gehen könnte. Doch man hatte ihnen nicht zugehört. Jetzt saßen sie nur da, blickten einander an und rollten mit den Augen und schmunzelten, ob der gemeinsam dargebotenen Geste. Sie hatten ihre Widerstände gegen ihre Abteilungsleiter aufgegeben, fügten sich ihrem Schicksal und blieben still.

In der nächsten Stunde besprechen die Teilnehmer des Meetings eine Reihe von möglichen Lösungen. Die meisten Probleme, die die IT-Abteilung vorgebracht hatte, würden sich in der Kürze der Zeit nicht mehr adressieren lassen. Ein Aufschub sei nicht möglich. Also einigt man sich darauf, dass die Entwickler zwei Wochen Zeit hätten, um die Anwendung zumindest Multi-Server-fähig zu machen.

Drei Wochen später …

Die Entwicklungsabteilung liefert. Etwas später als gedacht kommt sie mit einer neuen Softwareversion und einer neuen Anforderung um die Ecke. Eine In-Memory-Datenbank soll die Anwendung im Multi-Server-Betrieb unterstützen und den Livegang retten.

Die IT-Abteilung ächzt. Noch eine unbekannte Komponente, mit der sie sich nun mal eben beschäftigen müssen, und eine zusätzliche Abhängigkeit für die Software. Sie legen Wert darauf, dass alle Abhängigkeiten der Software paketiert sind. Folglich steht nun noch Aufwand für die Paketierung der Software an.

Doch die IT-Abteilung hat ihre Hausaufgaben gemacht. Die Server sind aufgesetzt und die Installation der Shop-Software zuteilen automatisiert. Auch für die Paketierung der zusätzlichen Komponenten haben sie Automatismen umgesetzt, die ihnen die Arbeit erleichtern. Mit einer einzigen Nachtschicht schaffen sie es die neue Plattform pünktlich zum geplanten Livegang in Betrieb zu nehmen.

Alle Beteiligten klopfen sich gegenseitig auf die Schulter. Nur Michael und Anette sind unzufrieden wie dieses Projekt gelaufen ist.

Epilog

Die neue Shop-Plattform ist zunächst ein voller Erfolg. Dann finden Hacker einen Bug, der Zugriff auf Kundendaten zulässt und das Unternehmen von Dave macht Schagzeilen.

Michael und Anette haben unterdessen ihre Kündigung eingereicht. Sie wollen zu einem Arbeitgeber wechseln, der Ihnen eine bessere Arbeitsumgebung frei von Grabenkämpfen bietet.

Nicht ganz das Ende. Eine Fortsetzung folgt.

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