Das Märchen vom planlosen Projekt

Kann man ein Haus bauen, ohne sich über die Größe des Fundaments Gedanken zu machen? Ist man schon agil, wenn man sich die Planung einfach spart? Und was hat eigentlich Viktor Frankenstein damit zu tun?

Bei Quora las ich kürzlich eine Antwort auf die Frage „In a nutshell, why do a lot of developers dislike Agile?“, die in Form einer Analogie zum Bau eines Hauses verfasst war. Die Geschichte geht ungefähr so: Ein Bauunternehmen soll ein Haus zu bauen. Dummerweise hat sich niemand (ausreichend) mit dem Kunden unterhalten und so gibt das Management auf die Frage „Wie soll denn das Haus aussehen?“ die einzige ehrliche Antwort: „Wir wissen es nicht.“ Auch alle Nachfragen werden eher vage beantwortet und so baut man schließlich drauf los und erschafft dabei ein Haus, bei dem wohl Frankenstein’s bisher unbekannter Architektenbruder die Hände am Mörtel hatte.

Ist das nun agil?

Vielleicht fehlte dem Bauunternehmen auch einfach nur jemand, der über genug Sachverstand und Selbstbewusstsein verfügt, um zu sagen: Das ist Mist, das geht so nicht.

Eins zeigt die Analogie ganz gut: Eine häufig auftretende Fehleinschätzung, was agil eigentlich bedeutet. Oft wird agil ja so umschrieben: Agil ist, wenn man sich die Planungsphase spart und einfach macht. Das ist aber gerade nicht, was unter „Responding to change over following a plan“ zu verstehen ist, sondern nur, dass man sich von dem Gedanken löst, alles im Vorfeld planen zu können.

Das ist Mist, das geht so nicht.

Man kann die Analogie also durchaus als Warnung an die Vernunft des Menschen bei der Anwendung von agilen Ideen verstehen. Nur weil man nicht alles im Vorfeld planen kann, heißt das ja nicht, dass man sich keine Gedanken mehr zu notwendigen Grundlagen machen darf.

Sehr wohl kann es aber sinnvoll sein, Entscheidungen möglichst spät aber so früh wie nötig zu treffen, weil es eben sein kann, dass sich bis dahin wichtige Faktoren geändert haben, die man in der Planungsphase nicht berücksichtigen konnte oder schlicht vergessen hat.

Denn während der Auftraggeber sich zu Beginn der Planung vielleicht noch sicher war, dass sein Dach mit blauen Ziegeln eindecken will, könnte er später feststellen, dass das nicht geht, weil blaue Dachziegel zu teuer sind (und ihm es eigentlich wichtiger wäre, sich noch eine Eckbadewanne leisten zu können) oder dass der Bebauungsplaner der Stadt was dagegen hat – und bei der Planung vergessen wurde, das abzuklären.

Kommunikation als Schlüssel

Ich will ehrlich sein: Vom Bau eines Hauses versteh ich nicht viel – und vielleicht ist ein Haus auch nicht das ideale Projekt für eine agile Herangehensweise. Aber wenn „Wir wissen es nicht“ wirklich das Einzige ist, was man dem Kunden zu seinen Anforderungen entlocken konnte, dann ist man vielleicht einfach nur sehr schlecht in einem Teil seines Jobs: Kommunikation.

Im Kern geht es bei Agilität natürlich um Flexibilität, die aber gerade durch Kommunikation und intensive Zusammenarbeit mit dem Kunden (und Team-intern) erreicht werden soll.

Das Agile Manifest enthält deshalb auch keine festen, unumstößlichen Regeln oder eine feste Werkzeugsammlung. Sondern ein Wertesystem, an dem man sich orientieren kann, um dabei einen Weg zu finden, der zur eigenen Situation und der des Kunden passt. Und letztlich geht es ja auch darum, das bestmögliche Ergebnis zu erreichen.

That is, while there is value in the items on the right, we value the items on the left more.

Wenn das heißt, dass sich Kunde und Architekt vor dem Gießen des Fundaments erstmal zusammen setzen und die Größe des Hauses planen müssen: Dann ist das eben so.

Ein Gedanke zu „Das Märchen vom planlosen Projekt

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