Den zweiten Schritt gehen

Einmal trug es sich zu, dass ein Kind in den Brunnen fiel.

Weil das Kind um Hilfe schrie, sollte man meinen, war das Problem für jeden gut sichtbar – und so war es auch: ein herbeieilender Passant bemerkte das Kind, hielt einen Moment inne und überlegte was zu tun war. Auf die Schnelle sah er jedoch keine Lösung für das Problem und ging weiter.

„Dem Kind muss man doch helfen!“, rief ein anderer Passant und schüttelte ungläubig den Kopf.

Sein Ruf blieb nicht ungehört: ein paar Menschen eilten heran, ein paar starrten hilflos vor sich hin und in der Ferne bellte ein Hund. Der erste Passant beschleunigte seine Schritte und versuchte in Gedanken sein Gewissen zu beruhigen, das ihm schwer zusetzte. „Was kann ich schon machen?“, fragte er sich und hatte auch gleich die Antwort parat: nichts.

Ein Pärchen trat an den Brunnen heran.

Ich verstehe genau, wie es dir geht …

Der Mann blickte in den Brunnen hinab und versicherte dem inzwischen nur noch leise schluchzenden Kind, dass er genau wisse, wie es sich gerade fühle. Ihm selbst sei das in seiner Kindheit auch mal wiederfahren und das war kein schönes Gefühl. Er seufzte und fragte dann, mehr an sich selbst als an das Kind gerichtet: wie viele Kinder müssen wohl noch in den Brunnen fallen, bevor das Problem endlich jemand löst?

Die Frau zückte ihr Handy und wählte den Notruf.

Kurze Zeit später kam die Feuerwehr, befreite das Kind und weil es so tapfer war, spendierte ihm einer der Feuerwehrmänner ein Eis.

Das Ereignis machte die Runde: die Lokalnachrichten berichteten davon, im Radio sprach man vom bedauerlichen Schicksal des Kindes und bei Facebook wurde das Problem leidenschaftlich diskutiert. Das sei schon öfter passiert war der gemeinsame Tenor und dass man dagegen doch was tun müsse. Da wäre jawohl die Politik gefragt, meinten die Einen, aber dafür sei ja wie üblich kein Geld da. Andere fragten sich, wie sie bloß ihre Kindheit überleben konnten, ohne in den Brunnen zu fallen. Wieder Andere sahen das Problem in der Flüchtingswelle und gaben Angela Merkel die Schuld.

Nach ein paar Tagen ebbten die Kommentare ab: das Thema hatte an Relevanz verloren. Einer meinte, dass Fehler nun mal passieren und sah das Thema damit als erledigt an.

Und die Moral von der Geschicht‘ … ?

Auch im Arbeitsalltag fällt hin und wieder mal das sprichwörtliche Kind in den Brunnen.

Wenn wir genau hingucken, können wir in der Geschichte ein paar Parallelen zu Verhaltensweisen entdecken, die sich dabei manchmal zeigen. Da sind die Personen, die das Problem nicht als ihre Baustelle ansehen oder sich hilflos fühlen. Dann gibt es diejenigen, die auf das Problem hinweisen und es lauthals beklagen, aber dennoch nichts zur Lösung beitragen. Manche wollen zumindest ihre Erfahrung beitragen oder sich mit der Person solidarisieren, die das Problem hat. Und natürlich gibt es auch Personen, die beherzt Initiative ergreifen und zumindest das akute Problem in die Hand nehmen.

Manchmal ist das schon genug. Manchmal tritt ein Problem aber später wieder auf.

Die Erkenntnis, dass Fehler passieren können, ist nur der erste Schritt

Wenn es gut läuft, treten deshalb unweigerlich auch die Personen auf die Bühne, die das Problem damit nicht als gegessen betrachten, die nach Lösungen für die Zukunft suchen. Dieses Tun sollten wir unbedingt unterstützen.

Natürlich passieren Fehler und ich halte es für falsch, nach Schuldigen zu suchen: weil Menschen eben gerade keine Angst davor haben sollen, die Initiative zu ergreifen und dabei vielleicht etwas falsch zu machen. Die Erkenntnis aber, dass Fehler passieren und sich keiner von uns davon freisprechen kann, ist nur der erste Schritt.

Ausschau nach Lösungen für die Zukunft zu halten ist der zweite Schritt.

Dafür sollten wir nicht nach Schuldigen, wohl aber nach Ursachen suchen. Neben den Gegebenheiten beinhaltet das natürlich auch wie sich eine oder mehrere Personen in einer bestimmten Situation verhalten und ob diese Verhaltensweisen zum Problem beigetragen oder es womöglich sogar verstärkt haben. Dieser Schritt ist nur dann unangenehm, wenn wir das Verhalten in einer bestimmten Situation mit der Person verwechseln – wenn wir den Menschen für einen schlechten Mitarbeiter halten, weil wir sein Verhalten als falsch empfunden haben. Wenn es uns aber gelingt, diese zwei Dinge auseinander zu halten, dann können wir zur Wurzel eines Problems herankommen und das Problem ein für alle Mal aus der Welt schaffen.

Diesen zweiten Schritt sollten wir nicht vergessen – sondern gehen.

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