Fehler vermeiden oder aus Fehlern lernen?

Menschen machen Fehler.

So einfach ist das. Doch wir verkopften Erwachsenen, egal ob mit oder ohne Hang zur Arbeitsverbesserung, können selbst so eine simple Tatsache zu einer komplizierten Angelegenheit machen.

Die Einen verlangen nach einer positiven Fehlerkultur, suchen in Retrospektiven nach Möglichkeiten zur schuldfreien Verbesserung oder erzählen in Fuckup-Nights von ihrem Scheitern. Andere zeigen auf wie „uncool“ und schlimm das Scheitern ist, belächeln solche Fuckup-Nights und weisen darauf hin, dass sich niemand von einem Arzt behandeln wolle, der sich für seine Fehler selbst auf die Schulter klopft. Oder darauf, dass wir lieber in Flugzeugen fliegen, dessen Crew von vornerein versucht, einen Flug von A nach B zu einer unspektakulären und Absturz-freien Routineangelegenheit zu machen.

Soweit so gut.

Ich halte es für richtig, ein Thema von verschiedenen Seiten zu betrachten. Das eröffnet Chancen zur Einsicht und zum Lernen. Doch spitzfindig zwischen Irrtümern und Fehlern zu unterscheiden: das erscheint mir dann doch etwas zu akademisch.

Wie ist es Fehler zu machen?

Wie war das, lieber Leser oder Leserin, als du das letzte Mal einen Fehler gemacht hast und dir dessen bewusst wurdest?

Natürlich macht es einen Unterschied, ob du „nur“ euren Hochzeitstag vergessen hast oder durch deinen Fehler einen milliardenschweren Schaden verursacht hast; auch die Anforderung eines Kunden falsch verstanden zu haben und nachbessern zu müssen ist etwas Anderes als den Karren komplett vor die Wand gefahren und den Kunden verloren zu haben.

Aber wenn du mal nur auf diesen Moment blickst, in dem dir selbst der Fehler bewusst wurde: die verfehlten Erwartungen – deine eigenen ebenso wie die von Anderen – und vielleicht die möglichen Konsequenzen: wie war dieser Moment für dich?

Worum geht es eigentlich?

Führen wir diese Überlegung mal weiter: wie würdest du dich in der Zukunft verhalten?

Nehmen wir an, du wärst in einer sehr ähnlichen Situation wie der, die zu diesem Fehler geführt hat. Als reflektionsfähiger Mensch hast du wahrscheinlich Schlüsse gezogen, welche Faktoren zu dem Problem beigetragen haben und nun hast du diese Ahnung, dass du dich irgendwie anders verhalten musst, um nicht wieder und diesmal mit Anlauf in das Fettnäpfchen zu springen.

Worauf fokussierst du dich?

Du könntest dich auf Vermeidung zu fokussieren. Du nimmst dir vor, den selben Fehler nicht ein zweites Mal zu machen. Du weißt welches Risiko damit verbunden ist, du siehst das Fettnäpfchen und weißt: da rein springen wäre dumm. Dann nimmst du Anlauf und springst …

Was auch immer passiert: war das wirklich dein Ziel?

Geht es nicht vor allem anderen um ein positives Ergebnis? Geht es nicht um den freudestrahlenden Partner oder die Partnerin am Hochzeitstag; um die halb aus Erleichterung, halb aus Höflichkeit klatschenden Passagiere des gerade gelandeten Flugzeugs; oder den Kunden, der so zufrieden mit deiner Leistung ist, dass er wieder kommt und dich sogar weiter empfiehlt?

Menschen irren sich und machen Fehler – und das Fehler einem positiven Ergebnis im Weg stehen können: geschenkt.

Worum es nicht gehen sollte, ist Angst

Wir brauchen keinen Fredmund Malik, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen.

Keinen Management-Profi, der mit Phrasen wie gefährlicher Schwachsinn um sich wirft und sich zum Untermauern seiner Ausssagen immer auf die Katastrophenszenarien beruft, bei denen ein Fehler gleich Menschenleben kostet und dabei mit Begriffen wie Sorgfaltspflicht auftrumpft. Viel mehr brauchen wir Unterstützung, um trotz eines Risikos gelassen agieren zu können, die richtigen Entscheidungen zu treffen und auf ein positives Ergebnis hinzuarbeiten.

Wir wissen auch so, dass Fehler negative Folgen haben können und besser erst gar nicht passieren.

Entsprechend bemühen wir uns um eine entsprechende Weichenstellung: Wir versuchen, unsere Systeme sicherer zu machen, investieren in Trainings und erarbeiten Checklisten für Ärzte genauso wie für Piloten („Vor der Landung das Fahrwerk ausfahren“) und ja: wir führen Experimente erstmal unter „kontrollierten Bedingungen“ durch, bevor wir am offenen Herz operieren.

Nur: wie gehen wir damit um wenn Fehler trotzdem passieren?

Das ist eben die Frage, die eine Maxime wie „Fehler dürfen nicht passieren“ unbeantwortet lässt. Schlimmer noch: wird diese Maxime zum Grundmotiv erhöht das Eintrittswahrscheinlichkeit von Fehlern paradoxerweise sogar. Die Psychologen kennen das als Vermeidungsmotivation, die langfristig zu Angst führt und dazu in den entscheidenden Momenten das Falsche zu tun.

Genau deshalb sollten wir uns fragen, wie wir eigentlich auf Fehler reagieren.

Wie reagieren wir auf Fehler?

Schon im Moment, wo es passiert und zwar noch bevor uns ein Fehler bewusst wird, reagiert unser Gehirn auf die Abweichung zwischen dem erwartetem und dem tatsächlichen Ergebnis.

Wenn die Abweichung dann auf unser Bewusstsein trifft, können wir entweder damit umgehen und versuchen eine Lösung zu finden. Oder wir können einfach dicht machen: die Abweichung als eine Gefahr wahrnehmen und versuchen dem unangenehmen Gefühl schnellstmöglich zu entkommen. Diese Flucht-Reaktion verhindert, dass unser Selbstbild einen Schaden nimmt, aber gleichzeitig auch jede konstruktive Auseinandersetzung mit dem Problem. Der Lernerfolg bleibt aus.

Nun könnte man meinen, dass wir uns das aussuchen und so oder so reagieren können. Und das können wir wahrscheinlich auch – zumindest auf lange Sicht.

Auf welche Weise wir reagieren steht nach Ansicht einiger Wissenschaftler in Verbindung mit unserem Mindset: ob wir eher davon ausgehen, dass unsere Persönlichkeitseigenschaften in Stein gemeiselt oder noch entwickelt werden können; ob wir Fehler als einen um jeden Preis zu vermeidenden Makel betrachten oder eben als eine Herausforderung, die wir meistern, aus der wir lernen und daran wachsen können. Dieses Mindset (fixed vs. growth-mindset) ist nach Auffassung der Wissenschaftler durchaus veränderlich.

Doch wie in unserer Umgebung mit Fehlern umgegangen wird – ob ihnen Wert beigemessen wird oder sie gar bestraft werden – beeinflusst eben auch wie wir in der Zukunft mit Problemen umgehen: ob wir eher zur Lösungsorienterung oder zum Fluchtmodus neigen.

Was wir wirklich wollen

Wir wollen Fehler nach Möglichkeit vermeiden, ja.

Wir wollen aber auch Menschen, die ihre Aufgaben angehen können, ohne die Angst des Versagens als ständigen Begleiter im Nacken zu haben; die ihr Handeln am gewünschten Ergebnis ausrichten und nicht an dem, was vermieden werden soll.

Letztlich sind wir nicht alle Piloten oder Ärzte und nicht jeder Fehler (nichtmal von Ärzten oder Piloten) kostet Menschenleben. Wir sollten deshalb nicht so tun als ob – und leichtfertig jeden Fehler von vornherein als Katastrophe deklarieren. Wenn doch Fehler passieren, wollen wir schließlich Menschen, die Verantwortung übernehmen und nach Lösungen suchen statt sich abzusichern. Wir wollen, dass sie das auch dann können, wenn es nicht unter „kontrollierten Bedingungen“ sondern in der knallharten Realität stattfindet.

All das erfordert Rückhalt und Vertrauen in ein positives Ergebnis, aber auch dass über Fehler offen geredet und daraus gelernt werden kann. Dafür ist es hilfreich, Fehlern den Schrecken zu nehmen, indem man vom anhaftenden Makel für den Verursacher und der damit verbundenen Individualisierung von Verantwortung wegkommt. So kann man sich gemeinsam auf die Suche nach dem Fehler im System machen, statt Zeit und Energie auf Schuldzuweisungen zu verschwenden.

Mit einem Freibrief hat das nichts zu tun, sondern viel mehr mit einem ehrlichen Blick auf die Realität.

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