Die Wissenschaft und das Dilemma mit der Willenskraft

Unterliegt die Willenskraft und damit unsere Fähigkeit zur Selbstkontrolle ähnlichen Limits wie ein Muskel? Nach einem Experiment mit Keksen und Radieschen ging die Wissenschaft weitestgehend davon aus. Die These wurde mehrfach bestätigt und zur Grundlage für weitere Forschungen. Aber dann tun sich irgendwann ernste Zweifel auf …

Als ich mich nach der Unterhaltung mit einem Kollegen mit dem Thema „Ego-Depletion“ beschäftigte, ahnte ich zunächst nicht, was sich dahinter für ein spannendes Thema verbirgt.

Viele Jahre nahm man an, dass unsere Fähigkeit kurzfristig verfügbaren Versuchungen zu widerstehen und sich stattdessen auf langfristigere Ziele zu konzentrieren, also unsere Fähigkeit zur Selbstkontrolle, ähnlichen Limits wie ein Muskel unterliegt. Demnach würde die Ausübung von Selbstkontrolle dazu führen, dass unsere Fähigkeit zur Selbstkontrolle in Anbetracht weiterer Herausforderungen zumindest zeitweise nachließe.

Kekse und Radieschen – ein vielleicht wegweisendes Experiment

Die Teilnehmer eines Experiments werden in einen Raum geführt, in dem ein Backofen steht. Der verführerische Geruch von frisch gebackenen Keksen liegt in der Luft, die frisch gebackenen Kekse stehen dampfend und einladend auf dem Tisch. Daneben: ein Teller Radieschen.

Einem Teil der Teilnehmer wird erlaubt von den Keksen zu essen, einem anderen Teil wird dieses Privileg verwehrt und eine dritte Gruppe wird erst gar nicht in den Raum geführt.

Nachdem die Teilnehmer einige Zeit in dem Raum verbracht und doch zumindest die Versuchung förmlich erschnüffelt hatten, wurde ihnen eine unmöglich zu lösende Aufgabe gestellt. Die Erkenntnis dabei: die Teilnehmer aus der Radieschen-Gruppe gaben bereits nach durchschnittlich 8 Minuten auf und damit deutlich früher als die Keksfraktion.

Aufstieg und Fall einer Theorie

Die Annahme, dass die Selbstkontrolle ähnlichen Mechanismen wie ein Muskel unterliege, wirkte offenbar nicht nur auf Nicht-Wissenschaftler wie mich plausibel und so entstanden weitere Thesen, die den Effekt an sich als gegeben annahmen und versuchten, die Hintergründe zu erforschen.

So entstand etwa die These, dass das Limit auf den Glucose-Verbrauch des Gehirns zurückzuführen sei und dass dieser insbesondere bei der Ausübung von Willenskraft erhöht sei. Folglich nahm man an, dass die Zufuhr von zuckerhaltigen Getränken helfen könne, ein entsprechendes Tief zu überwinden.

Platt gesagt: Wenn es dir abends nach einem stressigen Tag schwer fällt, noch den Haushalt zu machen, dann trink doch einfach mal ne Sprite und iss dir ne Stulle, dann wird das schon wieder.

Viele Arbeiten entstanden auf Basis der These von Roy Baumeister, für viele Wissenschaftler sollte es zur Grundlage eines großen Teils ihrer Arbeit werden. Aber, um es mit den Worten eines Psychologie-Professors zu sagen, der auf diesem Gebiet tätig ist:

Wissenschaft ist brutal.

Die Sache mit der Glukose entpuppt sich als höchstwahrscheinlich falsch.

Jedenfalls darf nach einer Studie aus dem Jahr 2013 bezweifelt werden, dass eine kurzfristig erhöhte Zufuhr irgendwelche Effekte bringt. Gleichzeitig legt die Studie nah, dass es mehr schaden als nützen könnte, sich all zu sehr dem Glauben hinzugeben, dass unsere mentale Energie und damit unsere Selbstkontrollfähigkeit begrenzt sei.

Während diese Studie ein mögliches Mittel zur Selbsthilfe als nutzlos entlarvt, ziehen durchaus noch düsterere Wolken für die Anhänger der These auf. Denn die Grundannahme selbst, dass es sowas wie einen erschöpfbaren Kraftstoff, eine „mental energy“ gibt, gerät ins Wanken.

Das Schubladenproblem – oder: Wissenschaftler sind auch nur Menschen

Im Grunde ist der sich andeutende Fall der Theorie einer der besseren Momente der Wissenschaft. Auch wenn es sich für einige sicher sehr schmerzlich anfühlt, weil sie ihre Überzeugungen überdenken müssen.

Science is brutal.
It doesn’t care about you or me or anybody. Science is a killer, laying waste to our pet theories and dispatching our grandest ideas. Sometimes I hate science—that fucker doesn’t respect all my hard work! (— Michael Inzlicht, Professor in the Department of Psychology)

Um das hohe Ideal der Objektivität aufrecht zu erhalten, muss der aktuelle Wissensstand zu jeder Zeit angezweifelt und erneut geprüft werden können. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn als gesichert geltende Erkenntnisse dabei bestätigt werden. Wenn stattdessen Fehler aufgedeckt und korrigiert werden ist das allerdings auch ein Zeichen, dass Wissenschaft funktioniert und die wissenschaftlichen Methoden sich weiterentwickeln.

Eine neue, beziehungsweise in diesem Bereich bisher selten verwendete Herangehensweise spielt auch in diesem Fall eine Rolle, als ein junger Wissenschaftler namens Evan Carter Zweifel an einer jüngeren Meta-Analyse hegte. Die Studie aus dem Jahr 2010 hatte fast 200 veröffentlichte Experimente ausgewertet und war zu dem Schluss gekommen, dass die Ergebnisse robust und der Ego-Depletion-Effekt real sei.

Ironischerweise stellte Evan Carter fest, dass die Wissenschaftler wahrscheinlich einer statistischen Verzerrung aufgesessen waren: dem Publication Bias.

Der Publication Bias ist auch als Schubladenproblem bekannt, weil die Ergebnisse von gescheiterten Experimenten, etwa solche in denen der Ego-Depletion-Effekt nicht reproduziert werden konnte, eher in der Schublade landen als veröffentlicht zu werden. Anders als bei erfolgreichen Experimenten.

So lieferte die Studie von Carter starke Anhaltspunkte, um die Aussagekraft der bestätigenden Experimente anzuzweifeln. Vielleicht seien die Ergebnisse ein Indiz, dass der Effekt gar nicht existiert und man dies erstmal herausfinden müsse.

Mit mehr als 2000 Teilnehmern wurde in einer groß anlegten Replikationsoffensive schließlich genau das versucht – mit einem ernüchternden Ergebnis: der Effekt ist mit bisher verwendeten Methoden praktisch nicht nachweisbar.

Zurück auf Anfang – oder?

Ein paar Reaktionen melden methodische Zweifel an und wirken damit irgendwie trotzig – schließlich war die Vorgehensweise mit einigen führenden Wissenschaftlern auf dem Gebiet entwickelt und abgestimmt worden, darunter auch Roy Baumeister selbst.

Andererseits stellt sich tatsächlich die Frage, ob die verwendeten Aufgaben (wie der Stroop-Test) zu einfach oder die Laborbedingungen nicht anspruchsvoll genug sind, um einen reproduzierbaren Effekt auf unsere Fähigkeit zur Selbstkontrolle zu haben. Vielleicht ist unsere „kognitive Maschinerie“ zu resilient, wie der oben schon zitierte Michael Inzlicht meint.

So oder so – weitere Forschung war und ist angebracht. Auch um rauszufinden, welche Rolle die Motivation und Zweifel an den eigenen Fähigkeiten spielen. Der gefühlte Zustand, manchmal weniger stark in der Lage zu sein, bestimmten kurzfristig verfügbaren Versuchungen zu widerstehen, ist schließlich sehr real.

Und so bewegt sich die Forschung in eben diese Richtung: Etwa knüpfen Liad Ezil und Roy Baumeister in der jüngst veröffentlichen Studie „The Self-Control irony“ an den Vermutungen an, dass ein Fokus auf unsere eigenen Selbstkontrollfähigkeiten negative Auswirkungen haben kann.

Insbesondere dann, wenn Aufgaben als schwierig wahrgenommen werden, stellt das Bedürfnis nach Selbstkontrolle eine zusätzliche, selbstauferlegte Hürde dar. Der Satz „Ich kann das nicht“ kann eben auch zur selbsterfüllenden Prophezeiung werden.

Was nun? Überlegungen für die Praxis

Am Ende des Tages stehen Peter, Paulina und Petro trotzdem vor ihrer unaufgeräumten Wohnung oder was auch immer ihre losen Enden sind, haben eigentlich nur noch Bock auf Binge Watching und das Gefühl, irgendwie nichts auf die Reihe zu bekommen.

Stellt sich die Frage: Was kann man denn eigentlich tun?

Vielleicht sollte man erstmal loslassen von der Vorstellung, dass man zu jeder Zeit ein hohes Maß an Selbstkontrolle aufbringen muss; Abstand von der Vorstellung nehmen, dass es nur genügend Willenskraft braucht um sich zu jeder noch so unbeliebten Tätigkeit zu zwingen. Eventuell sollte man stattdessen weitere Faktoren in Betracht ziehen:

  • Die Entscheidung könnte meiner Autonomie entspringen, genau diese Entscheidung treffen zu können. Zwar kann es sein, dass mich andere deswegen für faul halten oder ich irgendwelche Konventionen verletzte, aber letztlich hält mich niemand davon ab.

  • Vielleicht entscheide ich mich bewusst dagegen, weil mich eine Aufgabe nicht richtig fordert oder weil ich darin keine Möglichkeit sehe, meine Fähigkeiten auszubauen. Einen Blog-Post schreiben oder programmieren kann das eben vielleicht viel eher als den Keller aufräumen.

  • Letztlich könnte ich einer Aufgabe auch einen geringen Sinn beimessen. Vielleicht ist es auch so und es ist deshalb schlüssig, seine Zeit in sinnvollere Aufgaben zu investieren. Andererseits könnte meine Einschätzung vom Sinn einer Aufgabe auch einfach unzutreffend sein.

Das Denken übers Denken und Reframing

Wenn wir eines aus dem geschilderten Wissenschaftsdilemma mitnehmen können, dann das: unsere Überzeugungen können uns schon mal ein Bein stellen.

Darum besteht der vielversprechendste Ansatz vielleicht darin, sich mit dem eigenen Denken auseinanderzusetzen und es kritisch zu hinterfragen. Wie denke ich über eine Aufgabe und wie kommt dieser Gedanke eigentlich zustande?

Dann wäre da noch die Methode des Reframings. Beim Reframing geht es im Grunde darum, eine Situation bewusst in einen anderen Kontext zu setzen. Durch die geänderte Perspektive kann man unter Umständen zur Neubewertung einer Situation und so zu besseren Handlungsoptionen gelangen. Eine jüngere Studie legt jedenfalls nah, dass mit Reframing eine bessere Selbstkontrolle auch ganz ohne Willenskraft möglich ist.

Nun ja – ist vielleicht ein Experiment wert, oder?

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