Wir müssen uns schützen

Gestern war ich mal in fachfremden Gefilden unterwegs.

Ich habe nämlich eine Fachtagung der sozialen Arbeit besucht und dort unter anderem ein paar Vorträgen zu Herausforderungen und psychischen Folgen für Sozialarbeitern gelauscht.

Als Informatiker im nerdigen Foreman-Shirt war ich unter den Teilnehmern sicher nicht ganz die Zielgruppe der Tagung und trotzdem konnte ich ein paar Gedanken mitnehmen und vertiefen, die sich auch auf meine Arbeit und dieses Blog auswirken können. Immerhin beschäftige ich mich im Job und in diesem Blog mit komplexen Systemen, sowohl im technischen als auch im sozialen Sinne.

Gar nicht so abwegig also, im Bereich der sozialen Arbeit mal „seinen Horizont zu erweitern“ wie es ein geschätzter Kollege gesagt hat.

Wie geht man eigentlich mit dem Leid anderer Menschen um?

Im ersten Vortrag des Tages sprach Professor Dr. Borg-Laufs über Coping-Strategien für Menschen, die von Berufswegen mit dem Leid anderer Menschen konfrontriert sind.

Das sprach mich in zweierlei Hinsicht an.

Erstens, weil mich tatsächlich interessiert, was die Menschen aufrecht hält, die anderen Menschen beim Umgang mit ihrem Leid helfen, ihnen ihre Ressourcen aufzeigen und so anderen Menschen aus nicht selten existenziellen Krisen helfen können. Ich habe großen Respekt vor dieser wichtigen Arbeit, die meines Erachtens oft nicht ausreichend wertgeschätzt wird, in einer Gesellschaft, in der man von „Seelenklempnern“ spricht und psyschische Beschwerden bisweilen als Ausreden abtut.

Zweitens, weil uns dieses Thema auch zunehmend betrifft oder wenigstens zu Denken geben sollte, wenn wir von neuen Arbeitsformen reden.

Der Umstand nämlich, dass immer häufiger vom Ausstieg aus dem Hamsterrad die Rede ist oder dass psychische Erkrankungen stark zugenommen haben und häufig in Verbindung mit Arbeit gebracht werden (siehe Fehlzeiten-Report 2016 der AOK), sollte uns zu denken geben. Eine Frage, die sich dabei stellen sollte, ist:

Wie schützen wir uns?

… und wo ist der Bezug zu neuen Arbeitsformen, von denen ja auch dieses Blog handelt?

Ein weiterer Vortrag stellte übrigens den Bezug zu den neuen Arbeitsformen her.

So wies der Referent, Prof Dr. Franz Christian Schubert, darauf hin, dass die Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen durchaus ein zweischneidiges Schwert ist. Während etwa die Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit den neuen Möglichkeiten in greifbarere Nähe rückt, verschwimmen mit der ständigen Erreichbarkeit, dem „Arbeit mit Nachhause nehmen“ (und sei es auch nur das Lesen von jobrelevanten Blogs zur Weiterbildung und Sicherung der „Employability“) oder gar Heimarbeitsplätzen, eben auch all zu leicht die Grenzen zwischen Job und Freizeit.

Als jemand, der in seiner Freizeit ein arbeitsbezogenes Blog führt, über technische und „methodische“ Themen liest und hin- und wieder von seinen Kollegen darauf angesprochen wird, wieso er denn noch zu später Stunde Code committet … bin ich vermutlich nicht das strahlendste Beispiel für angewandte Work-Life-Balance. Dafür weiß ich auch aus erster Hand, dass es nicht cool ist, abends wach zu liegen und über laufende Projekte nachzudenken.

Entsprechend finde ich es wichtig, auf dieses Thema hinzuweisen und Vorschläge zu machen, wie es besser laufen kann – und bei uns selbst anzufangen statt mit unserer Aufopferung zu kokettieren. Auch wenn ich nicht der Überzeugung bin, dass eine strikte Trennung von Beruf und Freizeit die Lösung ist (ich mein: hey, ich hab immerhin auch Spaß an diesen Themen!).

Am Ende des Tages kräht kein Hahn danach, ob wir „immer als Letzter aus dem Büro gegangen“ sind. Und wenn doch, ist er doof.

Wir müssen uns schützen, aber auch die Anderen

Völlig zu Recht hat der Redner aus dem zweiten Vortrag allerdings drauf hingewiesen, dass die Verantwortung für diesen Schutz nicht auf den einzelnen Arbeitnehmer abgewälzt werden darf.

Gerade die Arbeitgeber sind in der Pflicht, nicht nur Work-Life-Balance am Beispiel der eigenen Person zu demonstrieren sondern auch ihren Angestellten zu ermöglichen.

Das muss Priorität haben – letztlich im eigenen Interesse. Denn wenn der letzte Arbeitnehmer im Wartezimmer eines Psychologen oder bei Sozialarbeitern sitzt, sich hilflos und in seiner Realität gefangen gefühlt, dann wird da keiner mehr sein, der für das Erreichen der ach so heiligen Umsatzziele sorgt.

Nicht zuletzt dürfen wir allerdings nicht aus den Augen verlieren, dass auch die Arbeitgeber nicht nur eine abstrakte Rolle sondern Menschen sind. Deshalb macht die Auseinandersetzung mit Coping-Strategien auch in anderen Bereichen als der sozialen Arbeit Sinn und sollte im Interesse jedes Einzelnen liegen.

Dabei gibt es ein paar offensichlichtere Möglichkeiten:

  • Sport treiben und allgemein Dinge zu tun, die uns gut tun: Freunde treffen, ein Buch lesen oder Serien gucken, auf unsere Ernährung achten

  • Auszeiten nehmen und das Handy auch mal stummschalten (vielleicht nicht gerade, wenn wir Rufbereitschaft haben ;))

  • Entspannungstechniken lernen und anwenden, etwa: Autogenes Training, Meditation, Consent 8, …

Und es gibt die weniger offensichtlichen Möglichkeiten wie Reflektion der eigenen Situation (Was läuft und was ist mein Anteil daran? Was kann ich beeinflussen? Was nicht? Was will ich überhaupt beinflussen?) und des eigenen Denkens: so hat Dr. Michael Borg-Laufs in seinem Vortrag auf das Mittel der Neubewertung hingewiesen.

Wie wir denken, bestimmt nämlich das Ergebnis.

In ein und derselben Situation kann eine unterschiedliche Denkweise das Ergebnis zum Positiven oder zum Negativen beeinflussen. Wenn wir uns beispielsweise nur darauf konzentrieren, was wir selbst leisten müssen oder nicht können ohne den Anteil der Anderen zu berücksichtigen, werden Misserfolge uns zusätzlich zusetzen und vielleicht fällt es uns dann auch schwerer Erfolge zu internalisieren.

Zu guter Letzt können wir auch daran arbeiten, die Arbeit an sich – wenn die Grenzen denn schon verschwimmen – für alle erträglicher zu machen. Deshalb sollte die Auseinandersetzung mit neuen Arbeitsformen nicht einfach bei der Kritik daran enden, sondern auch den Blick auf Chancen beinhalten. Zu schauen, was funktioniert und was nicht.

Die Gestaltung der Umstände nimmt uns niemand ab: kein Scrum, kein Kanban und auch kein Feel-Good-Manager.

Die Fachtagung fand übrigens an der Hochschule Niederrhein statt und stand unter dem Motto „Unter uns! Derzeitige Herausforderungen an die Soziale Arbeit und psychische Folgen für SozialarbeiterInnen – Supervision und Psychohygiene“.

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