Wieso schätzt ihr nicht gleich in Tagen?

Im heutigen Artikel geht es um die Schätzung mit Storypoints und wieso es aus meiner Sicht wenig Sinn ergibt, die Punkte mit Tagen oder Stunden gleichzusetzen.

Obwohl im Scrum-Guide nirgends vorgeschrieben, dürfte die Schätzung in Storypoints in vielen Teams zur gelebten Praxis gehören. Doch ich würde wetten, dass in den meisten Fällen sehr stark davon abgewichen wird, wie die Methode eigentlich gedacht ist.

Ein Muster ist mir bei dabei besonders oft begegnet: das Gleichsetzen von Storypoints mit Zeit.

Warum Storypoints nicht mit Zeit gleichgesetzt werden sollten

Ich bestreite ja gar nicht, dass diese Vorgehensweise gerade für den Einstieg verlockend und irgendwie auch naheliegend ist.

Am Anfang mag es schwer fallen, einer Aufgabe Punkte zuzuordnen ohne dabei an Stunden, Tage oder Wochen zu denken. Immerhin sind wir es gewohnt, zu schätzen wie lange wie für eine bestimmte Aufgabe brauchen, und mit Gewohnheiten ist es ja nun mal so, dass sie gar nicht so leicht abzustellen sind.

Doch wenn man eine rein auf Zeit basierende Aufwandsschätzung durch eine Methode ersetzt, in der einfach nur Stunden plötzlich nicht mehr Stunden genannt werden, wirft das eben die Frage auf: was haben wir eigentlich gewonnen? Und könnte es vielleicht sein, dass wir irgendwo falsch abgebogen sind?

Die Schätzung in Zeit ist bekanntermaßen problembehaftet

Eigentlich wollten wir von zeitbasierten Aufwandsschätzungen weg, weil sie zu problembehaftet sind.

Eine typische Situation in Schätzklausuren: weil der Wissensstand zwischen den verschiedenen Teammitgliedern unterschiedlich ist, fällt es bei einigen Aufgabenpaketen schwer, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Da wird dann mitunter erbittert diskutiert und nicht selten endet die Diskussion mit einem Kompromiss. Oder es wird die Meinung des angeblichen Expertens für das Thema übernommen.

Manchmal entlockt es einem Kollegen auch einen Satz wie „Mag ja sein, dass das 4 Tage dauert, ich brauch dafür aber eben zehn“.

Der Satz liefert einen Hinweis auf eines der zugrundeliegenden Probleme: die Schätzung in Zeit steht und fällt damit, wer die Aufgabe am Schluss erledigt. Da man das aber im Vorfeld unmöglich vorhersagen kann (Busfaktor!) macht es eigentlich wenig Sinn, die Schätzung dafür zu optimieren.

Die Storypoints sollen dieses Problem adressieren, indem gerade nicht die Zeit der Ausführung geschätzt wird, sondern (unter anderem) der Umfang der Arbeit.

Gedankenexperiment: Ein Haus streichen

Ihr möchtet euer Haus streichen und fragt euch wie lange ihr dafür wohl brauchen werdet.

Nehmen wir an, das Arbeitszimmer wäre relativ repräsentativ für die durchschnittliche Raumgröße, und so setzt ihr hierfür einen Wert von 5 Punkten an. Euer Wohnzimmer ist ungefähr doppelt so groß wie das Arbeitszimmer.

Wie schwer wird es euch wohl fallen, hierfür eine Schätzung abzugeben?

Ihr werdet vielleicht einwenden, dass ihr 10 Punkte an das Wohnzimmer vergeben habt und trotzdem nicht wisst, ob ihr in zwei Monaten (wenn eure Einweihungsfeier geplant ist) mit der ganzen Wohnung fertig sein werdet. Aber denken wir es weiter und nehmen an, dass ihr in Sprints von je einer Woche Länge arbeitet und am Ende jeder Woche schaut, was ihr geschafft habt.

In der ersten Woche schafft ihr das halbe Arbeitszimmer und haltet (etwas frustriert) fest, dass ihr wohl so 2,5 Punkte in einer Woche schafft. Über die nächsten Wochen nehmt ihr euch dann einen Raum nach dem Anderen vor und gelangt schließlich zu folgender Tabelle:

Woche 1. Woche 2. Woche 3. Woche 4. Woche
Räume 0,5 1,5 1 1
Punkte 2,5 7,5 5 5

Am Ende der vierten Woche habt ihr also vier Räume beziehungsweise 20 Punkte abgearbeitet. Leider habt ihr noch ein paar Räume vor euch (ja, ihr habt ein sehr großes Haus!) und ihr habt für diese Räume insgesamt 25 Punkte geschätzt. Ihr setzt euch zusammen und denkt über Prioritäten nach, wobei euch klar wird, dass euch das Wohnzimmer am Wichtigsten ist.

Könnt ihr abschätzen, ob das Wohnzimmer bis dahin fertig ist?

Natürlich ist das Beispiel ein wenig konstruiert, aber es sollte zeigen, dass wir auch dann planen können, wenn wir keine Zeiten schätzen. Wahrscheinlich wird unsere zeitliche Planung mit der Zeit sogar genauer, weil sie eben nicht mehr auf einem Bauchgefühl sondern auf Messwerten basiert und weil sich wahrscheinlich auch unsere Schätzungen mit der Zeit verbessern.

Letztlich geht es darum, was wir eigentlich erreichen wollen

Wenn wir in Storypoints schätzen, dann vor allem weil wir irgendwie planen müssen.

Wir wollen wissen, ob wir die Aufgabe ausreichend verstanden haben, um sie angehen zu können. Wir wollen wissen, ob die Aufgabe vom Aufwand her in einen Sprint passt oder ob wir sie weiter zerlegen müssen oder Informationen gewinnen müssen. Wir wollen wissen, wann wir ein bestimmtes Ziel – eine neue Funktionalität oder eben die gestrichene Wohnung – ungefähr erreichen werden.

Dafür spielt die tatsächliche Ausführungszeit eine eher untergeordnete Rolle, weil der Planungshorizont der Sprint – also ein Fenster von ein bis vier Wochen – ist. Mal davon abgesehen, dass sich eh die Frage stellt, was sonst so im Argen ist, wenn nur eine einzelne Person an einer Story arbeitet.

Zudem ist die Idee, dass in Storypoints neben der reinen Ausführungszeit auch weitere Faktoren einfließen, die den Aufwand beeinflussen. Damit könnte ich etwa abbilden, dass wir uns als Team noch unsicher mit einer Anforderung sind: wie groß sie ist, ob sie in einen Sprint passt oder wie sie umgesetzt werden könnte.

Wie möchte ich das abbilden, wenn meine Storypoints einer bestimmten Dauer entsprechen müssen?

Natürlich gibt es gute Gründe, wegen derer ich in manchen Fällen den tatsächlichen Zeitaufwand für etwas ermitteln will: wenn ich etwa eine Rechnung auf Basis von geleisteter Zeit schreiben oder ein Festpreisangebot abgeben muss. Dann sollte ich mir und dem Team gegenüber ehrlich eingestehen, dass diese Zahlen für einen ganz anderen Zweck gedacht sind und nichts mit Storypoints zu tun haben.

Eine Stunde nicht Stunde zu nennen … ist dagegen einfach nur albern.

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