Man müsste einfach nur …

Die Tage schrieb jemand in einem Artikel, dass die Worte „just“ und „simply“ sein Blut zum kochen brächten. Ich musste lachen, denn ich hatte mit solchen Worten auch schon so meine Erfahrungen gemacht.

Worte so weich wie Butter

Manche Worte deuten Unheil an und das Perfide daran: wir merken es oft nicht einmal.

Denn es gibt Worte, die – unabhängig ob Absicht oder nicht – einlullend auf uns wirken, uns in falscher Sicherheit wiegen und ehe wir uns versehen finden wir uns in einer wenig erstrebenswerten Situation wieder.

In meinem und vermutlich jedem anderen Team in dieser Welt kommt es immer mal wieder vor, dass jemand einen Satz mit „Da muss man einfach nur“ oder „Eigentlich ist das ganz einfach“ beginnt und es ist gar nicht so leicht, nicht darauf hineinzufallen. Das passiert oft genug, so dass ein ehemaliger Kollege irgendwann mal treffend formulierte: wenn dieser Satz fällt, steckt mindestens eine Woche Arbeit drin.

Das kann ziemlich frustrierend sein.

In einem früheren Artikel (Beine baumelnd produktiver sein) habe ich die Frustration, die in einer solchen Situation aufkommen kann, bereits einmal angeschnitten.

Angeregt vom besagten Artikel möchte ich heute darauf eingehen, wie es zu solchen Situationen kommt und dass damit Risiken und Chancen verbunden sind.

Die Dinge sind selten so einfach wie sie scheinen.

Ich hab in meiner beruflichen Laufbahn mit vielen intelligenten Menschen zusammengearbeitet.

Da waren junge und dennoch erfahrene Menschen mit einem breiten Wissensschatz dabei: Problemlöser, die für fast jedes technische Problem Lösungen finden und umsetzen können, selbst wenn die Probleme mit Technologien oder Systemen bestehen, mit denen sie noch nicht so viel Erfahrung gesammelt haben.

Ihr gemeinsames Talent: die Fähigkeit mit einer strukturierten Herangehensweise und „educated guessing“ zu einer Problemlösung zu gelangen.

Vermutungen, Informationsbröckchen, Lösungen

Bei dieser Vorgehensweise startet man mit einer begründeten Vermutung, sammelt Informationen und hangelt sich von Hinweis zu Hinweis, mit denen man das Problem immer weiter eingrenzt und schließlich zu einer Lösung gelangt, die oft genug aber nicht immer im Zusammenhang mit der ursprünglichen Vermutung steht.

Diese Vorgehensweise ist sehr effektiv und gehört zu den Dingen, die man erst im Laufe der Zeit lernt, ausbaut und perfektioniert.

Dabei besteht der Trick meiner Einschätzung nach nicht unbedingt im gesammelten Wissen (auch wenn das definitiv eine große Rolle spielt) sondern vor allem in der Erfahrung, wie man mit Nichtwissen beziehungsweise der Tatsache umgeht, dass man eben nicht alles weiß und nicht alles wissen kann: Informationen sammeln, Informationen bewerten und verarbeiten.

Nicht grundlos liest man immer mal wieder Scherze, die andeuten, dass man vor allem ein Experte im googlen sei.

Einfach Komplexes vereinfachen

Doch auch intelligente Menschen fallen auf Vereinfachungen hinein.

Wenn wir beispielsweise für eine Aufgabe schon grob die einzelnen Schritte im Kopf haben, passiert es, dass wir falsche Schlüsse über die „Einfachheit“ des Problems ziehen.

Wir übersehen beispielsweise Randbedingungen, die zwischen Erfolg und Misserfolg entscheiden: die Bedingungen unter denen wir an einem Problem arbeiten können, die Art und Weise wie Lösungen ineinander greifen und miteinander interagieren oder in manchen Fällen auch gar nicht kompatibel zu einander sind. Manchmal überschätzen wir auch unsere Fähigkeit zur Antizipation einer Lösung: im Kopf die richtigen Schritte, aber dummerweise für die Lösung des falschen Problems.

So Worte wie „einfach“ oder „nur“ können ein Hinweis darauf sein, dass wir über eine Problemlösung noch einmal nachdenken sollten.

Risiken nicht einfach so, sondern bewusst eingehen

Gerald Weinberg, der Autor von They psychology of computer programming (Affliate-Link) und unter Entwicklern vielleicht für das Konzept des Egoless Programming bekannt, hat für solche Worte den Begriff Lullaby Language geprägt.

Wir begegnen dieser butterweichen Sprache nicht nur bei der Beschreibung von Problemlösungen sondern auch in Konzepten oder Vertragswerken, wo sie absolute Aussagen verwässern und so Interpretationsspielraum und manchmal auch die Grundlage für Auseinandersetzungen schaffen. Daher tun wir gut daran, inne zu halten und nachzubohren, wenn wir so formulierten Aussagen begegnen oder selbst zu tätigen geneigt sind.

Manchmal lassen sich dann bessere Lösungen finden. Manchmal hilft das auch nur, bewusstere Entscheidungen zu treffen.

Schließlich ist ein Lösungsansatz nicht automatisch falsch, nur nur weil wir uns nicht immer der Komplexität einer Aufgabe oder dem damit verbundenen Aufwand bewusst sind. Manchmal muss man das Risiko eingehen, Zeit in eine Lösung zu investieren für die niemand zahlt.

Mitunter macht sich das zu einem späteren Zeitpunkt bezahlt.

Der englischsprachige Artikel, der mich zu diesem Text inspiriert hat, ist übrigens auf dev.to unter dem Titel The 4-letter-word word that makes my blood boil erschienen.

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