Trau dich!

In einem meiner älteren Artikel habe ich darauf hingewiesen, dass jedes (überlebensfähige) Unternehmen in gewisser Weise schon agil ist.

Was aber, wenn du einen Veränderungsbedarf siehst, dein Chef aber nicht?

Schließlich ist Agilität ja kein binärer Zustand sondern viel mehr ein Kontiuum: obwohl jedes funktionale Unternehmen in gewissem Maße schon agil ist (weil es ansonsten dysfunktional ist) kann und wird in den meisten Fällen noch Luft nach oben sein.

Letztlich bedeutet Agilität ja nur, ob und wie gut wir mit sich ständig verändernden Umgebungsbedingungen umgehen können.

Wieviel kann eine einzelne Leuchte am untersten Ende der Nahrungskette bewegen?

Nehmen wir für einen Moment an, du hast mit Anfang 20 gerade dein Studium abgeschlossen und deine erste Festanstellung angetreten.

Nun arbeitest du in einem mittelständigen IT-Unternehmen, das vergleichsweise erfolgreich und natürlich bereits agil ist (schließlich ist allein die Gründung eines IT-Unternehmens schon progressiv!) und doch stellst du fest: ganz schön unflexibel, wie die ein oder anderen Prozesse gehandhabt werden.

Vielleicht arbeitest du auch in einem schwerfälligen Konzern oder gar (oh graus!) in den Mühlen der deutschen Bürokratie.

Kannst du überhaupt etwas bewegen?

Pessimistischere Zeitgenossen werden dir sagen, dass da nichts zu machen ist.

Viele werden sagen, dass eine agile Transformation ohne ein „Buy-In“ der Stakeholder zum Scheitern verurteilt ist; dass die agile Transformation nur mit Unterstützung von ganz oben gelingen kann – und was soll ich sagen: die Statistik gibt diesen Menschen Recht.

Tatsächlich scheitern viele agile Transformationen daran, dass sich das Management und Führungsebene mit den agilen Werten und Prinzipien schwer tun; dass sie Cargo-Kult betreiben oder den Veränderungsbedarf erst gar nicht sehen.

Schon richtig, dass „agiler werden“ mit dem Management anfangen sollte, aber …

In einer idealen Welt wäre das vielleicht so: das Management erkennt ein Problem, sucht und findet eine Lösung und bringt die vorran.

Doch machen wir uns nichts vor: so läuft die Welt nicht.

Wenn wir ehrlich mit uns selbst sind (auch als Manager oder Führungskraft), stellen wir nämlich fest, dass diese Sichtweise einigen grundlegenden Denkfehlern unterliegt.

  1. Das Management ist manchmal gar nicht nah genug am Tagesgeschehen, um die alltäglichen Probleme zu erkennen.

  2. Selbst wenn es die Probleme erkennt, bewegt sich das Management noch mehr in einem Spannungsfeld als ein Angestellter: zwischen Erhalt des Unternehmens (konservatives Verhalten) und notwendiger Flexibilisierung (und der damit verbundenen Unsicherheit). Wer sein Eigenkapital in ein Unternehmen eingebracht hat, wird sich mit Experimentierfreudigkeit wahrscheinlich etwas schwerer tun.

  3. Auch das Management hat keinen Zauberstab, mit dem sich das (notwendige) Mitwirken der anderen Akeure im Unternehmen magisch herbei führen ließe. Umso mehr gilt das, wenn man in einem Arbeitnehmermarkt wie der IT-Branche unterwegs ist.

  4. Veränderung passiert nicht durchs Denken sondern durchs Machen.

Wenn wir zudem davon ausgehen, dass wir andere Menschen nicht ändern können, wohl aber uns selbst: wieso dann nicht auf das Einfluss nehmen, was in unserer Macht liegt?

Veränderung ist manchmal nur einen Flügelschlag entfernt

Einfach mal machen.

Ein sehr guter Freund von mir bringt oft und gerne diesen Ausspruch. Ich tu mich selbst manchmal schwer damit (und möchte lieber gleich alles und jeden ändern – mich selbst eingeschlossen), erkenne daran aber viel Wahres – auch weil es sich in der Praxis häufiger bewährt hat.

Wer den Film Butterfly Effect gesehen hat, dem wird der Schmetterlingseffekt wahrscheinlich ein Begriff sein.

Auch wenn die filmische Inszenierung nicht ganz akkurat ist, geht es beim Schmetterlingseffekt darum, dass kleine Änderungen der Ausgangsbedingungen sich in unvorhersehbarem Maße auf die Entwicklung eines Systems auswirken können.

Anders ausgedrückt: Kleine Veränderungen können große Veränderungen nach sich ziehen.

Natürlich können wir weder die Eintrittswahrscheinlichkeit an sich vorhersagen, noch das Ausmaß und ob die Auswirkungen positiv oder negativ sind. Mit Bestimmtheit können wir eigentlich nur sagen, dass Stillstand in keinem Fall etwas bewegt.

Das sollte uns Mut machen, die Initiative zu ergreifen.

Was kann ein Einzelner tatsächlich tun?

Ich glaube, dass vieles was in Firmen verkehrt oder zumindest verbesserungsfähig ist, auf Gewohnheiten zurückzuführen ist.

Über die Jahre legen wir uns Verhaltensweisen zu, die mit der Zeit zu Automatismen werden. Das ist soweit erstmal ein natürlicher und sinnvoller Vorgang, der uns hilft Kraft zu sparen. Schauen wir genauer hin, zeigen sich aber auch Verhaltensweisen, die mittlerweile weniger zielführend sind.

Reflektieren und (anders) handeln

Sich solcher Verhaltensweisen bewust zu werden, ist meiner Ansicht nach der erste Schritt.

Eine Erkenntnis könnte darin bestehen, dass man (manche) Vorschläge bislang eher zurückhielt. Vielleicht, weil man nicht glaubte, etwas verändern zu können. Oder vielleicht weil „nicht auffallen“ eine Zeit lang eine erfolgreiche Strategie war, um Anecken zu vermeiden.

Sich solcher Umstände bewusst zu werden, erfordert einen Schritt zurück zu gehen und die Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Vielleicht entdeckt man auch Aspekte der eigenen Arbeitsweise, die man verändern möchte.

  • Gibt es beispielsweise Punkte, an denen man zu übertriebenem Perfektionismus (= Zeitverlust) neigt?

  • Neigt man vielleicht dazu, sich alles merken oder selbst lösen zu wollen?

  • Vergisst man Dinge für die Teamkollegen oder den Kunden aufzuschreiben? Oder mit ihnen zu reden?

  • Trifft man Annahmen über das was der Kunde, die Kollegen oder der Chef erwarten – oder sucht man das Gespräch?

Danach sollte man einfach etwas anderes probieren. Sich mal trauen.

Dabei gilt das Prinzip der kleinen Schritte: viele kleine Schritte sind leichter und zielführender als ein großer Schritt, den man niemals geht. Gerade bei Gewohnheiten gilt, dass wir Erfolge brauchen (vgl. Small Wins) um in Bewegung zu bleiben.

Wir können uns dabei auch mit Methoden beschäftigen: mit GTD zum Beispiel oder Personal Kanban. Nur sollten wir Methoden nicht als Blaupause sondern als Inspiration betrachten.

Mut haben, eigene Entscheidungen zu treffen

Was für den oder die Eine funktioniert, muss nicht für jeden funktionieren.

Manchmal hat man auch nur zeitweise Schwierigkeiten mit etwas oder muss eben von einer Blaupause abweichen. Nur weil etwas in Büchern steht, muss es nicht zu unserer Realität passen. Mut zu eigenen Entscheidungen aufbringen, ist zentraler Bestandteil agiler Methoden.

Auch und gerade von etablierten Prozessen abzuweichen, wenn wir sie als dysfunktional wahrnehmen. Nicht immer sofort von unserer ersten Risikobewertung oder der ersten Reaktion von Anderen abschrecken lassen.

Darüber reden (und zuhören)

Darüber reden ist vielleicht der wichtigste Schritt, wenn man etwas probiert: über das was funktioniert und was nicht.

Für mich beinhaltet das zwei Vorteile: eine weitere Möglichkeit zur Reflektion (beispielsweise übersehe ich im täglichen Allerlei gerne mal Erfolge oder wenn ich Dinge zu verbissen sehe) und es fördert die Sichtbarkeit, was widerrum zu weiteren, mitunter überraschenden Effekten führt.

Meine Erfahrung ist, dass drüber reden nicht ausschließlich positive Effekte hervorruft. Wenn man nur die eigene Seite sieht, kann man anderen Menschen damit auf den Wecker gehen, gerade wenn man dann auch hin- und wieder zum Nörgeln neigt. Zuhören, was die Anderen zu sagen haben, kann helfen und manchmal ergibt sich auch alles von selbst.

Aber hey, es ist ja noch kein Meister vom Himmel gefallen 😉

Last but not least: Nicht in der Selbstoptimierung verharren

Nichtsdestotrotz sollte man nicht in der Selbstoptimierung verharren. Wir sind keine Maschinen und wenn die Dinge nicht laufen wie sie könnten, liegt das selten nur an einer Person.

Die Systemtheorie (und letztlich ist der Schmetterlingseffekt auch damit verwandt) lehrt uns, dass wir in komplexen Systemen agieren und somit erst das Zusammenspiel bestimmt wie der Hase läuft (oder wo der Schmetterling mit den Flügeln schwingt).

Deswegen kommt man nicht drum herum, aus seinem Schneckenhaus rauszugehen, Vorschläge zu machen, auch mal Kritik einzustecken oder erst mit zeitlicher Verzögerung die Früchte seiner Arbeit zu ernten. Manchmal kommt positives Feedback, wenn man es nicht erwartet: zum Beispiel wenn man bei einer Kneipentour auf einen Kollegen trifft, in dessen Team man Retrospektiven eingeführt hat.

Auch Vertrauen in die Anderen gehört dazu. Wie sagte ein Freund und ehemaliger Kollege mal: sie werden so schnell flügge.

Dieser Artikel kam übrigens zustande, weil ich in den sozialen Medien nach Themen gefragt habe, die ihr gerne lesen würdet. Danke für die Vorschläge. Ich nehme übrigens gerne regelmäßig Vorschläge an – schreibt mich einfach an!

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