Review: Agile Retrospectives – Making good teams great

Der Titel von „Agile Retrospectives – Making good teams great“ sprach mich sofort an. Zunächst mal gefällt mir der positive Grundton. Davon auszugehen, dass man schon ein gutes Team hat und nicht von vornherein von Negativem auszugehen. Dann ist der Titel ja auch mal eine Ansage: Nämlich das Versprechen aus einem schon guten Team ein großartiges Team machen! Da bin ich doch neugierig.

Den Schaffensprozess im eigenen Team regelmäßig hinterfragen und auf Verbesserungsmöglichkeiten hin abzuklopfen ist eins der Prinzipien hinter dem Agilen Manifest.

Die grundlegende Idee: Reflektieren, Ideen sammeln, ausprobieren und lernen.

Der Ansatz unterscheidet sich dabei von den klassischen „Lessons learned“ vor allem durch seine Kontinuität. Statt einmal am Ende des Projektes Bilanz zu beziehen, soll man die Retrospektive regelmäßig, insbesondere mitten im Projekt durchführen. So kann man die Erkenntnisse im weiteren Projektverlauf direkt verwerten.

Eine mögliche Struktur für solche Retrospektiven beschreibt das Buch „Agile Retrospectives – Making good teams great“. In 5 Phasen soll zunächst eine offene Gesprächsatmosphäre geschaffen werden und dann Schritt für Schritt Erkenntnisse und schließlich Lösungsansätze erarbeitet werden.

Wer schreibt da überhaupt?

Die Autoren des englischsprachigen Buches Esther Derby und Diane Larsen sind alte Hasen in der Anwendung Agiler Methoden, die darin umfangreiche praktische Erfahrungen vorzuweisen haben. Tatsächlich wurden sie 2003 beim Retrospective Facilitators Gathering mit dem Titel „Retrospective Goddesses“ geehrt. Das Retrospective Facilitators Gathering ist ein jährlich stattfindenden Zusammentreffen von Agilisten aus aller Welt, die sich professionell als Facilitators in die kontinuierliche Verbesserung von Unternehmen einbringen.

An wen richtet sich das Buch?

Die Autoren richten das Buch an Leute, die schon mal von Retrospektiven gehört haben und glauben, dass sie ihrem Team helfen könnten. Aus meiner Sicht ist es in diesem Sinne vor allem ein Grundlagenwerk, das einen guten Einstieg in die Thematik erlaubt.

Entsprechend ist das Buch aufgebaut:

Was ist eine Retrospektive und wie läuft das ab?
In den ersten Kapiteln widmet es sich vor allem der Frage, was Retrospektiven (aus ihrer Sicht) sind und wie das in der Praxis aussehen kann.

Dabei starten sie zunächst mit einer beispielhaften Geschichte, in der die einstündige Retrospektive eines Entwicklerteams geschildert wird. Anschließend wird die beschriebene Retrospektive selbst analysiert:

  • Was hat Dana wann angestoßen und welchem Zweck diente das?

  • Was konnte das Team damit erreichen?

  • Welcher Struktur folgte das Ganze?

Dabei folgt das Buch einer Struktur vom Groben zum Speziellen. Die 5 Phasen (Set the stage, Gather data, Generate insights, Decide what to do, Close the retrospective) werden im Einzeln erläutert: Welchem Zweck die Phasen dienen, was es dabei zu beachten gibt. Zum Beispiel, dass und warum es wichtig ist, für eine offene, einladende Gesprächsatmosphäre zu sorgen.

Hin und wieder haben die Autorinnen ein paar Anekdoten eingestreut. Wie beispielsweise erst der emotionale Ausbruch eines Team-Mitglieds möglich machte, ein Problem wahrzunehmen und zu lösen.

Auf den Teamleib geschneidert
In den folgenden Kapiteln geht es dann darum, wie man eine Retrospektive für sein Team maßschneidern kann. Das beantwortet Detailfragen wie:

  • Was sollte im Vorfeld einer Retrospektive passieren?

  • Sollte ich mir Gedanken über ein Ziel machen und wie sollte das aussehen?

  • Wie lang sollte so eine Retrospektive sein?

Dabei wird nicht einfach ein Patentrezept beschrieben. Etwa: Bei zwei Wochen Sprintdauer muss die Retrospektive mindestens so und so lang sein. Viel mehr wird im Detail darauf eingegangen, was man berücksichtige, um die Retrospektive auf den Bedarf des Teams abzustimmen.

Manchmal werden Kleinigkeiten angesprochen, an die man womöglich gar nicht dran gedacht hätte – auch wenn sie auf der Hand liegen: Pausen und Puffer beispielsweise für längere Diskussionen einzuplanen oder Timeboxing, also Zeitlimits für Aktivitäten.

Und weil bei Retrospektiven, wo das zwischenmenschliche eine große Rolle spielt (klar – wir wollen Fehler und Verbesserungsmöglichkeiten aufdecken!), auch mal Tränen fließen oder geschrien wird, werden auch Konfliktsituationen angesprochen und ein paar Lösungsansätze aufgezeigt.

Referenz von Aktivitäten

Danach folgt der wahrscheinlich größte Teil des Buchs. Eine Referenz von Aktivitäten, die für die verschiedenen Phasen ausgewählt werden können, um die Retrospektive zu gestalten. Das ist nämlich ein wesentlicher Bestandteil des vorgeschlagenen Prozesses: Aktivitäten die helfen sollen, die Situation des Teams, ihre Stärken und Schwierigkeiten, von unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten und die Kreativität anzuregen.

Damit eben nicht die immer gleichen, aber häufig nicht bewährten Lösungsvorschläge angebracht und ausgewählt werden.

Fazit

Mit „Agile Retrospectives – Making good teams great“ haben Diana Larsen und Esther Derby ein Grundlagenwerk geschaffen.

Aus meiner Sicht ist das Buch ideal, um einen Einstieg in die Thematik von „Agilen Retrospektiven“ zu bekommen, und lohnt sich auch für Teams, die bisher nicht Scrum oder ein ähnliches Vorgehensmodell praktizieren.

Wer Retrospektiven schon praktiziert und nur auf der Suche nach neuen Ideen für passende Aktivitäten sucht, wird vermutlich nicht viel Neues finden. Das Internet hält hier auf Seiten wie dem Agile Retrospective Resource Wiki oder im wundervollen Retromat eine reiche Auswahl bereit.

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